Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 4 (4)

durch vollkommene Konkurrenz gekennzeichnet, dann würde jeder 
Arbeitsvertrag den Reservationsnutzen des Beschäftigten abgelten. 
Zwar würden Arbeitsverträge nicht identisch sein, weil die Präferenzen 
der Arbeitsanbieter bezüglich unterschiedlichen Dimensionen eines 
Vertrages - Geldentlohnung, Arbeitszeit, Sicherheit des Arbeitsplatzes 
und am Arbeitsplatz etc. - unterschiedlich sind, aber es müßten sich die 
Nettonutzen auf einem spezifischen Arbeitsmarkt ausgleichen. Der 
Wunsch der Unternehmen nach, gemessen an herkömmlichen Stan­
dards, extremen Formen von Arbeitsverträgen wäre daher kein Grund 
für eine staatliche Intervention. Diesem theoretischen Ansatz gemäß 
finden sie nämlich nur dann Arbeitskräfte für diese Arbeitsplätze, wenn 
sie sie hinreichend gut bezahlen, bzw. durch andere Vorteile die 
Nachteile ausgleichen. So müssen etwa ungewöhnliche zeitliche Lagen 
der Leistungserbringung durch entsprechend höheren Lohn abgegol­
ten werden. Die Akzeptierung dieser Arbeitsformen bei entsprechen­
dem Lohn durch die Lohnabhängigen muß als Ausdruck deren Präfe­
renzen und deren Anfangsausstattung gesehen werden. Durch ein 
Verbot werden sie nicht bessergestellt. Eine Regulierung des Arbeits­
marktes mit dem Ziel, das Nutzenniveau der Beschäftigten zu erhöhen, 
ist nur bei einer Karteliierung der Lohnabhängigen möglich. 
Dieser Theorie liegt folgendes Bild des Arbeitsmarktes zugrunde: Das 
Unternehmen fragt Arbeitsleistungen nach, wobei angenommen wird, 
daß die Arbeitsnachfragefunktion negativ geneigt ist. Die Individuen 
bieten Arbeitsleistungen an, wobei sowohl positiv als auch negativ 
geneigte Arbeitsangebotsfunktionen möglich sind. Die Arbeitsnachfra­
gefunktion wird aus der Güternachfragefunktion und der Produktions­
funktion abgeleitet, die Arbeitsangebotsfunktion aus den Präferenzen 
der Individuen bezüglich Freizeit und Konsum und der Anfangsausstat­
tung mit sonstigem Vermögen. 
Dieses Bild entspricht aber nur unter zwei Annahmen einer realisti­
schen Betrachtungsweise: Erstens, Arbeitsleistungen sind eindeutig 
spezifizierbar; zweitens, jede Arbeitsleistung ist eindeutig einer Person 
zurechenbar. Beides ist für das Arbeitsverhältnis untypisch und ent­
spricht eher dem Werkvertrag. Für den Arbeitsvertrag ist vielmehr 
kennzeichnend, daß das Unternehmen die Leistungsbereitschaft der 
Arbeitskraft erwirbt. Die Arbeitskraft verpflichtet sich, unter der Anlei­
tung des Unternehmens zu arbeiten. Die Leistung wird in einem 
Arbeitsverhältnis angeordnet. Es ist ein befristetes und eingeschränktes 
Herrschaftsverhältnis (Parsons, 1986). Ferner kann der größte Teil der 
in einem Unternehmen produzierten Güter und Dienstleistungen nur 
durch unmittelbare Zusammenarbeit mehrerer Arbeitskräfte herge­
stellt werden. Eine Zurechnung eines Grenzproduktes an einzelne 
Arbeitskräfte ist dadurch ausgeschlossen (Alchian/Demsetz 1972). 
Am Arbeitsmarkt werden wegen dieser Probleme Arbeitsverhältnisse 
und nicht Arbeitsleistungen gehandelt. Der Lohn ist nicht das Entgelt 
für die einzelne erbrachte Leistung. Arbeitsverhältnisse dauern oft 
lange Zeit, auch wenn ihr Bestand durch keinerlei gesetzliche Regelung 
geschützt ist (für die USA: Hall, 1982). Für das Unternehmen bieten 
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