Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 4 (4)

dazu müssen sie die Folgen ihrer Handlungen abschätzen können. Ohne 
diese Annahme wäre die Bevorzugung der Freiwilligkeit wirtschaftli­
cher Handlungen für die Wirtschafts- und Sozialpolitik irrelevant. 
In der Wirtschaftstheorie wird dieses Problem u. a. im Zusammen­
hang mit meritorischen Gütern behandelt (Musgrave, 1987). Dabei 
handelt es sich um Güter, deren Konsum in einem den Konsumenten 
nicht voll bewußten Ausmaß gesellschaftlich "wünschenswert" ist. 
Häufig gebrachte Beispiele sind Gesundheit und Bildung. Die Indivi­
duen sollen mehr davon konsumieren, als sie selbst wählten. Es ist dies 
eine Bevormundung von Wirtschaftssubjekten, eine Verletzung der 
Konsumentensouveränität. 
Für Auseinandersetzungen um Regulierungen von Arbeitsverhältnis­
sen spielt dies aus folgenden Gründen eine Rolle: Wenn Beschäftigte 
die Gesundheitsrisken von extremen Arbeitsformen - sehr lange 
Arbeitszeiten, riskante Arbeitsformen - nicht richtig einschätzen, dann 
kann eine Beschränkung der Vertragsfreiheit die "wahren" Interessen 
der Arbeitenden begünstigen. Die Bereitschaft zu extremen Arbeiten 
kann verursacht sein durch a) mangelnde Information über die wahren 
Risken, b) durch "falsche" subjektive Bewertung einer Realisierung des 
riskanten Ereignisses und c) durch eine "falsche" Bewertung der 
Präferenzen. 
a) Mangelnde Informationen können durch öffentliche Informatio­
nen bekämpft werden, ohne daß die Vertragsfreiheit eingeschränkt 
wird. 
b) Das Verhalten gegenüber unsicheren Ereignissen wird in der 
Ökonomie mit Hilfe der von-Neumann-Morgenstern Nutzenfunktionen 
behandelt. Dabei wird vorausgesetzt, daß jedes Individuum eine sub­
jektive Wahrscheinlichkeitsverteilung über alle Ereignisse bildet und 
jede Realisierung bewertet. Das Individuum maximiert dann den 
erwarteten Nutzen. Es ist dies das wichtigste in der Ökonomie verwen­
dete Konzept rationalen Handeins unter Unsicherheit. Empirische 
Untersuchungen, etwa über das Verhalten von Rauchern (z. B. Tamerin, 
Resnik, 1972), über die Bildung von subjektiven Wahrscheinlichkeiten 
(Tversky, Kahneman, 1974) weisen aber darauf hin, daß tatsächliches 
Verhalten anders ist. Der Eintritt von sehr unangenehmen Realisierun­
gen - etwa von Krebs durch Rauchen - wird systematisch falsch 
eingeschätzt. 
c) Zukünftige Präferenzen können von gegenwärtigen Präferenzen 
für die Zukunft abweichen (Elster, 1987). So kann etwa in der Gegen­
wart eine sehr hohe Präferenz für Einkommen gegenüber zukünftiger 
Gesundheit vorliegen, die abweicht von den Präferenzen in der 
Zukunft: Gesundheit ist dann wichtiger als ein hohes Vermögen. 
Bei den unter b) und c) gebrachten Argumenten reichen Informatio­
nen über die Gefährlichkeit von Arbeitsverhältnissen nicht aus, das 
Fehlverhalten zu korrigieren. Es bedarf dabei regulierender Eingriffe -
des Verbotes bestimmter Arbeiten, des Gebots von Sicherheitsvorkeh­
rungen und ähnliches. Die damit verbundenen Beschränkungen der 
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