Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1990 Heft 4 (4)

VON MARX ZUM MARKT 
Rezension von: Brus, W./Laski, K., 
Von Marx zum Markt, Metropolis­
Verlag, Marburg 1990, 180 Seiten, 
öS 232,40 
Der kritische Zustand der Wirt­
schaftssysteme des sogenannten "rea­
len Sozialismus" vor dem politischen 
Umbruch 1989 war kein Geheimnis. 
Daß es früher oder später grundlegen­
der Änderungen bedurfte, konnte als 
"certus an, incertus quando" gelten. 
Daß die Kluft zwischen diesem Zu­
stand und der offiziellen Selbstdar­
stellung in verbaler oder statistischer 
Form unüberbrückbar geworden war, 
davon konnte man sich auch als Tou­
rist mit freiem Auge überzeugen. So­
weit die vor dem Umbruch an der 
Macht befindlichen Regime nicht -
wie z. B. in der DDR - mit völliger 
Blindheit geschlagen waren, mußten 
sie auch zumindest eine Ahnung da­
von haben, daß eine "Wirtschaftsre­
form" alten Stils nicht mehr genügen 
würde, den Niedergang aufzuhalten, 
sondern daß nach Formen eines Über­
gangs zur Marktwirtschaft gesucht 
werden mußte. Für marktsozialisti­
sche Experimente war es jedoch - wie 
man nach den sich überstürzenden 
Ereignissen des historischen Jahres 
1989 heute sehen kann - bereits zu 
spät. Angesagt ist seither überall der 
Übergang nicht nur von der zentralge­
lenkten Kommandowirtschaft zur 
Marktsteuerung, sondern auch von 
der Produktion in Staatsbetrieben zur 
privaten U nternehmerwirtschaft. 
Zahlreiche Bücher und Artikel über 
die Möglichkeit eines Marktsozialis­
mus sind von der Realität überholt 
und bestenfalls noch von histori­
schem Interesse (z. B. B. Csikos-Na-
gy's "Sozialitische Marktwirtschaft"). 
Wenn "der Sozialismus auf der Suche 
nach einem neuen Wirtschaftssystem" 
(so der Untertitel des rezensierten Bu­
ches) nicht eben erfolgreich war - am 
wenigsten in der letzten Phase dieser 
Suche - so kann dies Aktualität und 
Bedeutung des 1988 in englischer 
Sprache veröffentlichten und nun­
mehr auch in deutscher Übersetzung 
vorliegenden Buches von W. Brus und 
K. Laski in keiner Weise mindern - es 
ist sowohl als Analyse des Scheiterns 
des "realen Sozialismus" wie auch in 
seiner Beurteilung des Marktsozialis­
mus als Ausweg und Alternative 
durch die Entwicklung bestätigt 
worden. 
Etwa zwei Drittel des Buches be­
schäftigten sich mit der Entwicklung 
der in den kommunistischen Ländern 
errichteten Wirtschaftssysteme seit 
der russischen Oktoberrevolution. Es 
wird daran erinnert, daß gerade sozia­
listische Theoretiker wie Karl Kaut­
sky vehement gegen die bolschewisti­
sche Revolution Stellung bezogen, 
welche in einem wirtschaftlich so 
rückständigen Land als V ersuch zur 
"Umkehrung der Gesetzmäßigkeiten" 
von vornherein zum Scheitern verur­
teilt sei. 
Freilich griff die Kritik solchen 
Typs von vornherein zu kurz: Wenn 
"die marxistische Theorie unterstellt, 
es existiere eine objektive Tendenz in 
den reifen kapitalistischen Gesell­
schaften zum Sozialismus", so ist nach 
Ansicht von Brus und Laski eine sol­
che Tendenz "nicht feststellbar. An 
Kräften, die in Richtung Sozialismus 
wirkten, hätte es nicht gefehlt, im Lau­
fe der Zeit sind sie aber schwächer 
anstatt stärker geworden". (S. 31) 
Nachdem die Kommandowirtschaft 
sowjetischen Typs nach 1945 in 7 wei­
teren mittel- und osteuropäischen 
Ländern eingeführt worden war, zeig­
ten sich bereits in den fünfziger Jah­
ren immer deutlichere Anzeichen da­
für, daß die von Chrustschow ausge­
gebene Parole vom "Einholen und 
Überholen" unrealistisch war. Dies 
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