Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

"Frühjahrsoffensiven" nicht mehr als 
den tarifpolitischen Rahmen für die 
Verhandlungen der Betriebsgewerk­
schaften vorgeben. 
Beginnend mit dem "Gesetz zur Si­
cherung der öffentlichen Ruhe" von 
1900, welches in Anlehnung an das 
Bismarksehe Sozialistengesetz ein Ko­
alitions- und Streikverbot (Seite 152) 
in Japan installierte, beschreibt der 
Autor des zweiten Teils (Bobke) die 
rechtliche Situation der japanischen 
Arbeitsbeziehungen. Dieses Arbeits­
recht wurde in der Zeit vor der extrem 
autoritären japanischen Militärdikta­
tur (1936) und deren imperialistischen 
Angriffskriege liberalisiert, d. h. das 
Koalitions- und Streikverbot wurde 
aufgehoben. Das neue Arbeitsrecht, 
das nach der Kapitulation der Militärs 
im Jahre 1945 kodifiziert wurde, zeigt 
in deutlicher Weise deutsche, engli­
sche und französische Einflüsse. In der 
neugeschaffenen Friedensverfassung 
von 1946  (Verbot des Militärs und des 
Militarismus) ist die Koalitionsfreiheit 
enthalten. Diese in der Verfassung ga­
rantierte Koalitionsfreiheit schließt 
die negative Koalitionsfreiheit aus. 
Dadurch wird, ganz im Gegensatz zur 
Bundesrepublik Deutschland, das Sy­
stem des "Union-Shops" oder "Closed 
Shop" möglich, welches in Japan auch 
entstand. 
Die oben erwähnten eigentlichen 
Säulen der japanischen Arbeitsbezie­
hungen, also die Betriebsgewerkschaf­
ten, werden durch das "Closed-Shop­
System" noch mehr gestärkt. 
Da die tarifpolitische Option zumeist 
bei den Betriebsgewerkschaften liegt, 
die auch über Streiks entscheiden kön­
nen, verfügen die Betriebsgewerk­
schaften, und somit natürlich auch die 
Betriebsräte, über vergleichsweise 
mehr Macht als ihre bundesdeutschen 
Kollegen. Diese starke Position kann 
allerdings durch die Anwesenheit un­
terschiedlicher Dachorganisationen 
innnerhalb eines Betriebes gemindert 
werden. So hat die Konkurrenz der 
verschiedenen Dachverbände (Rengo, 
Sohyo, Domei) auch schon dazu ge-
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führt, daß, wie es zum Beispiel im Fal­
le der Firma Sumitomo geschah, Do­
mei die Entlassung progressiver Ge­
werkschaftskollegen (im Sohyo-Dach­
verband organisiert) unterstützte. Die­
se drei Dachverbände sind mit dem 
bundesdeutschen DGB und nicht so 
sehr mit den 16 Einzelgewerkschaften 
der Bundesrepublik zu vergleichen. 
Ausführlich sind die Darstellungen 
über die Rechte der Arbeitnehmer und 
der Gewerkschaften, die von Arbeits­
schutz, Arbeitszeitregelungen über 
Schlichtung bis hin zur Mitbestim­
mung reichen. In diesem Abschnitt 
wird auch der nicht unerhebliche 
durchschnittliche Lohnunterschied 
zwischen Männern (ca. 250.000 Yen) 
und Frauen (ca. 1 50 .000 Yen) sowie die 
überraschenderweise derzeitig rück­
läufige Tendenz der Inanspruchnahme 
des tariflich oder gesetzlich gesicher­
ten Urlaubs erwähnt. 
Trotz der zahlreichen und uner­
läßlichen Details und Tabellen ist das 
Buch weder unübersichtlich, noch ver­
liert es sich in Einzelheiten. Vielmehr 
bietet es eine Gesamtdarstellung der 
Arbeitsbeziehungen im heutigen Ja­
pan, wobei das Buch weit mehr ist als 
nur eine Antwort auf Arbeitgebervor­
würfe, wie sie Steinkühler in der Ein­
leitung erwähnt. 
Typisch für bundesdeutsche Wissen­
schaftler, die aus hochgradig verrecht­
lichten Arbeitsbeziehungen kommen, 
ist die lange Darstellung der Rechtsla­
ge in Japan, was allerdings dem zu er­
forschenden Gegenstand nicht im We­
ge steht. Der einzige Mangel des Bu­
ches liegt im zu starken verbleiben im 
deskriptiven Bereich, wodurch die 
Analysen oft zu kurz fassen. Diese 
Analysen sollten tiefer gehen als die 
(zutreffenden) Hinweise auf die Iden­
tifikation mit dem Betrieb, dessen 
Wurzeln im Feudalismus liegen. Hier 
wäre zu denken an eine vertiefende 
Darstellung der typischen Eigenarten 
der japanischen Arbeitsbeziehung, die 
während des Überganges vom Feuda­
lismus zum Kapitalismus entstanden. 
Thomas Murakami
        

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