Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

SOZIALPARTNERSCHAFT UND 
BESCHÄFTIGUNGS­
ENTWICKLUNG 
Rezession von: Reinhard Christl, 
Sozialpartnerschaft und Beschäfti­
gungspolitik in Österreich, Europäi­
sche Hoschulschriften, Peter Lang, 
Frankfurt am Main/Bern/New York/ 
Paris, 1 990,  222 Seiten, sFr 5 1 ,-
Die in der heimischen Diskussion 
seit der "Erdölkrise" wiederholt zu 
Grabe getragene Sozialpartnerschaft 
erweist sich nicht nur unverändert als 
zentrale Determinante des wirt­
schafts- und sozialpolitischen Gesche­
hens in Österreich, sondern erweckt 
ebenso das Interesse ausländischer Be­
trachter. Letzteres gilt freilich nur 
eingeschränkt für den Autor der vor­
liegenden Studie, da dieser aus Öster­
reich stammt. Allerdings studierte und 
arbeitete er an der Universität Passau 
und unternahm es, die Bedeutung der 
Österreichischen Sozialpartnerschaft 
an einem konkreten Beispiel dem 
deutschen Fachpublikum zu demon­
strieren - auch durch einen Vergleich 
mit der Entwicklung in diesem Land. 
Zum Objekt seiner Forschung wählte 
er die Wirtschafts- und Arbeitsmarkt­
politik zur Zeit des Rückschlages 
1974/75 .  
Christl gibt einen wohlfundierten 
Überblick über Entstehung, Position 
sowie die Institutionen der Sozialpart­
nerschaft und auch über ihre Rolle in 
der Wirtschaftspolitik. Für den Öster­
reichischen Leser wird die Studie na­
turgemäß vor allem durch den Ver­
gleich mit der Bundesrepublik interes­
sant. Hiebei kommt der Verfasser zu 
dem Ergebnis, daß in Österreich insbe­
sondere der Arbeitnehmerseite ein 
weit größerer Einfluß auf die Wirt­
schaftspolitik zukomme als in der 
Bundesrepublik Umgekehrt seien 
auch deutlich programmatische Un­
terschiede zwischen den beiden Ge­
werkschaften sichtbar. Während sich 
der ÖGB mit Staat und Gesellschaft 
identifiziert und auch für die Position 
der Arbeitgeber Verständnis zeige, sei 
der DGB in seinen Deklarationen eher 
auf Konflikt eingestellt. Die Lohnpoli­
tik werde in Österreich der Vollbe­
schäftigung und dem Wirtschafts­
wachstum untergeordnet, wogegen sie 
in der BRD auch als Instrument der 
Umverteilung betrachtet werde. In 
Österreich verfolge man dieses Ziel 
eher über die Sozialpolitik. 
Bedenkenswert scheint in diesem 
Zusammenhang der Hinweis des Au­
tors, die liberale Haltung des ÖGB re­
sultiere zum Teil aus seiner Trittbrett­
fahrerposition gegenüber dem DGB,  
welcher manche sozialpolitischen For­
derungen durchkämpfe, die dann in 
Österreich unter Hinweis auf das 
deutsche Beispiel leichter durchge­
setzt werden könnten. Vielleicht wäre 
dieser Gedanke, jenseits der Arbeits­
zeitverkürzung, genauer zu belegen. 
Eine Ursache der relativ konflikt­
freien Situation zwischen den Markt­
parteien in Österreich kommt in 
Christls Darstellung zuwenig hervor. 
Durch die Verstaatlichung fehlt näm­
lich in Österreich ein heimisches 
Großunternehmertum praktisch zur 
Gänze - die privaten Großbetriebe ste­
hen in ausländischem Eigentum. Die­
ser Umstand bewirkte nicht nur einen 
faktischen Machtverlust für die Ar­
beitgeberseite, sondern schränkte si­
cherlich auch ihr Selbstbewußtsein -
verglichen mit der BRD - ein. 
Angesichts der programmatischen 
Unterschiede zwischen den Gewerk­
schaften scheint es bemerkenswert, 
daß die effektive Lohnpolitik keines­
wegs differiert. Der Autor vergleicht 
die Entwicklung der realen Tarifstun­
denlöhne seit 1970 und zeigt, daß diese 
in Österreich sogar stärker gestiegen 
sind - freilich auch die Produktivität. 
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