Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 2 (2)

lität im sekundären Segment stets ausreicht, um einen Anstieg der 
natürlichen Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Die Grenze wäre spätestens 
dann erreicht, wenn die Löhne sich dem Existenzminimum annähern. 
Außerdem weitet sich das Lohndifferential zwischen primärem und se­
kundärem Segment infolge eines adversen Schocks aus, so daß es zu 
Phasen der Unterbeschäftigung aufgrund vermehrter Sucharbeitslosig­
keit und letztlich zur Erhöhung der natürlichen Unterbeschäftigung 
durch Persistenzeffekte kommen kann. 
Die Hysteresis-Diskussion führt zwar zu dem Schluß, daß makroöko­
nomische Schocks zu einem höheren natürlichen Unterbeschäftigungs­
niveau geführt haben, was jedoch nicht gleichzusetzen ist mit der Auf­
fassung der Supply-Side-Policy, es handele sich um langfristig stabile 
Gleichgewichte, die nur durch eine langfristig wirkende, angebotsorien­
tierte Gestaltung der ordnungspolitischen Rahmenbedingungen zu be­
einflussen seien. Statt dessen sind die jeweils erreichten Gleichgewichte 
als "fragile equilibria" (Blanchard, 0. J./Summers, L. H. ,  1988 ,  S. 186) 
zu kennzeichnen, denn ihre Lage wird bereits durch vorübergehende Ab­
weichungen nachhaltig beeinflußt. Damit erhalten Maßnahmen der 
Konjunktursteuerung größeres Gewicht, da bereits kurzfristige Erfolge 
dauerhafte positive Angebotseffekte zur Folge haben. Der relative Er­
folg des amerikanischen Arbeitsmarktes ist also nicht unbedingt auf den 
geringeren Einfluß der Gewerkschaften und die größere Flexibilität im 
sekundären Segment zurückzuführen, sondern muß auch vor dem Hin­
tergrund der expansiveren amerikanischen Stabilitätspolitik gesehen 
werden. In diesem Zusammenhang wird oft auf die Erfahrungen mit der 
angebotsorientierten Wirtschaftspolitik in Großbritannien hingewiesen, 
die durch eine radikale Antiinflationspolitik das Unterbeschäftigungs­
niveau nicht nur bis zur Anpassung der Inflationserwartungen, sondern 
dauerhaft erhöht habe (so z. B. Pissarides, C . ,  1989 ,  S. 1 1  sowie Blan­
chard, 0. J ./Summers, L. H. ,  1 988,  S. 182) .  Nicht umsonst wird in der 
stabilitätspolitischen Diskussion seit längerem ein Abgehen von der 
strikten Regelbindung, wie sie das monetaristische Konzept der poten­
tialorientierten Geld- und Fiskalpolitik vorsieht, zugunsten einer fle­
xibleren Reaktionsweise gefordert. Auch von einer ordnungspolitischen 
Umgestaltung des Arbeitsmarktes in Richtung auf die reine Marktlö­
sung wäre nicht zu erwarten, daß zeitliche Anpassungsverzögerungen 
hinreichend reduziert werden können, um die nachhaltigen negativen 
Konsequenzen ökonomischer Schocks für das Beschäftigungsniveau zu 
vermeiden. Wahrscheinlicher wäre schon, daß diese negativen Folgen 
durch eine verstärkte Dualisierung der Ökonomie verdeckt würden, statt 
ihnen über die Förderung der Qualifikation des Arbeitsangebots und der 
Kapitalbildung offensiv zu begegnen. Folglich liegt der Schluß nahe, daß 
eine Politik der grundlegenden institutionellen Neuordnung des Ar­
beitsmarktes ein größeres "Sozialexperiment" mit zudem völlig unge­
wissem Ausgang darstellen würde im Vergleich zu einer Vorgehensweise, 
die an den Erfahrungen keynesianischer Beschäftigungspolitik an­
knüpft und diese schrittweise so ergänzt, daß negative Neben- und Fol­
gewirkungen vermieden werden. Mögliche Elemente einer solchen modi-
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