Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 3 (3)

BÜCHER 
DIE GENOSSENSCHAFTS­
THEORIE: UMBRUCH, DURCH­
BRUCH, ABBRUCH? KRITISCHE 
ÜBERLEGUNGEN ZU EINEM 
HAND- UND LEHRBUCH 
Rezension von: J. Laurinkari (Hrsg.), 
unter Mitarbeit von J. Brazda, Genos­
senschaftswesen. Ein Hand- und 
Lehrbuch, Oldenbourg-Verlag, Mün­
chen - Wien, XII - 808 Seiten 
Wir können annehmen, daß die Men­
schen kooperiert haben, seit es sie gibt. 
Einzeln wären sie wohl von ihren weit 
kräftigeren Feinden im Tierreich ver­
nichtet worden, abgesehen davon, daß 
eine regelmäßige Nahrungsbeschaf­
fung ohne wechselseitiges Teilen (um 
das Jagdglück auszupendeln) unmög­
lich gewesen wäre. Jedoch: Wenn die 
Menschen überlebten, weil sie koope­
rierten, heißt das noch lange nicht, daß 
sie kooperierten, um zu überleben. 
Woher rührt also ihre Kooperationsbe­
reitschaft? Ist sie uns einprogrammiert 
und wir jagen in Rudeln wie die Wölfe? 
(Dasein in Herden genügt nicht, die 
können ja auch kopflos agieren ! )  Ha­
ben wir uns durch das Zusammensein 
eine Wertschätzung für Kooperation 
angeeignet? (Altruismus als geneti­
sches Programm ist schwer vorstell­
bar.) Haben wir die Vorteile der Ko­
operation erkannt? (Das wohlverstan­
dene Eigeninteresse setzt allerdings 
schon Intelligenz voraus.) Jedenfalls 
läßt sich in den frühen Hochkulturen 
bereits ein komplexes System von ar­
beitsteiliger Kooperation nachweisen. 
Die Regeln, nach denen die Zusam­
menarbeit abläuft, können aber sehr 
verschieden gestaltet sein, sie liefern 
die Art der Organisation. Naheliegend 
ist die hierarchische Ordnung, wie sie 
für den Krieg entwickelt wurde. Aber 
die gegenseitige Absprache ist genauso 
naheliegend und weitgehend unpro­
blematisch, solange nur zwei Personen 
davon betroffen sind (in der Tat kann­
ten schon die Sumerer sehr kompli­
zierte Verträge). Wirken mehrere Per­
sonen zusammen, um ein gemeinsames 
Ziel zu verwirklichen, tritt eine Kom­
plikation insofern auf, als dies über in­
terdependente zweiseitige Absprachen 
(die Netzorganisation) im Regelfall zu 
aufwendig wird. Die Notwendigkeit, 
gemeinsam Entscheidungen zu treffen, 
an die dann alle gebunden sind (auch 
wenn manche nicht damit einverstan­
den sind), bringt die Konsequenz mit 
sich, auch dafür eine Regel zu schaf­
fen, die zwangsläufig auch festlegen 
muß, wovon der Einfluß jedes einzel­
nen auf diese Entscheidung abhängt, 
welches Gewicht seiner Stimme in der 
kollektiven Entscheidungsfindung zu­
kommt. Nur wenn diese Regel akzep­
tiert wird, kommt Kooperation auf 
freiwilliger Basis zustande. 
Es liegt auf der Hand, daß diese Re­
gel dem einzelnen garantieren muß, 
nicht weniger Einfluß zu haben als an­
dere, womit wir beim Problem Gleich­
heit angelangt sind und bei der Suche 
nach einem Kriterium, einer Maßzahl 
für Gleichheit. Dafür bietet sich ir­
gend eine Orientierung an dem an, was 
der einzelne zum Gelingen beiträgt -
etwa das Kapital, das er beisteuert -
oder welches Risiko er im Fall des 
Mißlingens übernimmt (damit kann 
z. B. der fehlende Einfluß des Kom­
manditisten erklärt werden). Spielen 
Kapitaleinsatz und Haftung eine nur 
untergeordnete Rolle, können Wissen 
und Erfahrung oder Arbeitsleistung 
herangezogen werden. Und wo all das 
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