Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 3 (3)

mehr als das, gab es doch auch bürger­
liche, mittelständische Genossen­
schaften. Von einer ausgefeilten Ge­
nossenschaftstheorie kann im 19 .  
Jahrhundert keine Rede sein, enthu­
siastische Bilder beflügelten die Pra­
xis, die denn auch neben großen Erfol­
gen (die Gründungen Raiffeisens und 
Schulze-Delitzschs, die Konsumver­
einsbewegung) ein arges Scheitern in 
Teilbereichen (Niedergang der Pro­
duktivgenossenschaften) aufweist. 
Als um die Jahrhundertwende die 
Versuche einer wissenschaftlichen 
Analyse einsetzten, ging es zunächst 
einmal darum, durch Bildung von Ka­
tegorien Ordnung in die ungeheure 
Vielfalt der Genossenschaften zu brin­
gen, Gemeinsamkeiten und Unter­
schiede klarzustellen und die Grund­
prinzipien herauszuarbeiten. Die noch 
heute gebräuchliche Unterteilung in 
Agrar-, Konsum-, Kredit-, gewerbli­
che Produzenten- und Produktivge­
nossenschaften geht auf die damaligen 
Autoren wie Jacob und Tugan-Bara­
nowsi zurück. Vereinfacht dargestellt, 
ging es im besten Fall darum, wie Ge­
nossenschaften funktionieren, und 
nicht darum, warum sie so funktionie­
ren und nicht anders. Das gilt auch für 
das von Webb damals festgestellte 
"Degenerieren" der Produktivgenos­
senschaften (Oppenheimer sprach von 
Transformation), denn der bloße Au­
genschein trog (wie z. B. J ones in den 
siebziger Jahren für Großbritannien 
nachwies, waren Zusammenbrüche 
nicht häufiger als jene von Kleinunter­
nehmungen generell, was sich nach 
Hettlage auch in anderen Ländern 
zeigt) . 
Provokant formuliert war die Ge­
nossenschaftsbewegung in der ersten 
Hälfte unseres Jahrhunderts unbe­
schadet zahlreicher Publikationen ei­
ne theorielose Praxis. Sie war es schon 
einmal deshalb, weil sie keine eigen­
ständige Strategie entwickelte, son­
dern einfach kapitalistische Strategi­
en adaptierte und übernahm (man 
denke nur an die Rationalisierungs­
welle im Deutschland der Weimarer 
Republik) . Sie war es auch deshalb, 
weil sie Erfolge wie Mißerfolge auf die 
menschliche Komponente zurückführ­
te und nicht nach systembedingten 
Ursachen suchte (etwa beim abneh­
menden Engagement ehrenamtlicher 
Funktionäre oder der nachlassenden 
Beteiligung an basisdemokratischen 
Entscheidungsprozessen). Sie war es 
schließlich deshalb, weil sie Verände­
rungen der Rahmenbedingungen, die 
auf sie zurückwirkten, ganz pragma­
tisch hinnahm und sich anbahnende 
Wandlungen nicht registrierte, ge­
schweige denn analysierte (wie etwa 
die Integration der Wohnbaugenossen­
schaften in die staatliche Wohnbaupo­
litik oder die Umfunktionierung der 
Agrargenossenschaften in ein wirt­
schafts- und sozialpolitisches Instru­
ment). 
Erst nach dem Ende des 2. Welt­
kriegs entwickelte sich, dann aber 
ganz rapid, eine Genossenschaftstheo­
rie von hoher wissenschaftlicher Qua­
lität. Ein wichtiger Anstoß kam von 
der Wirtschaftstheorie, die sich mit 
dem Phänomen der jugoslawischen 
Arbeiterselbstverwaltung (Wards "il­
lyrische Firma")  auseinandersetzte 
und letztlich nach der Effizienz der 
Produktivgenossenschaft fragte. Wei­
tere Anstöße lieferten die Theorie kol­
lektiven Verhaltens, die Analyse stra­
tegischen Verhaltens bis hin zur Spiel­
theorie, die Verhandlungstheorie, die 
Theorie der kollektiven Entscheidun­
gen usw. Nicht zuletzt mußte auch die 
Analyse der nicht-gewinnorientierten 
Unternehmungen, zu denen grund­
sätzlich auch die Genossenschaften 
(neben Wohltätigkeitsvereinen, 
Selbsthilfegruppen, Klubs etc.) zäh­
len, zu neuen Gesichtspunkten, neuen 
Fragestellungen führen. 
Unabhängig davon versuchten Ge­
nossenschaftstheoretiker, unter Beibe­
haltung ihrer traditionellen Sichtwei­
se von der bloß oberflächlich-formalen 
Betrachtung loszukommen und Ansät­
ze für eine vertiefte Analyse zu gewin­
nen. Der Durchbruch gelang in den 
fünfziger Jahren, zwei seither fortent-
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