Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 3 (3)

DIE ERSTE REPUBLIK UND DIE 
FREIEN GEWERKSCHAFTEN 
Rezension von: Friedrich Weissen�
steiner, Der ungeliebte Staat. �ster�
reich zwischen 1918  und 1938,  �ster�
reichischer Bundesverlag, Wien 1990, 
324 Seiten, �S 548 ,-; Ulrike Weber�
Felber, Wege aus der Krise: Freie Ge�
werkschaften und Wirtschaftspolitik 
in der Ersten Republik, Europaverlag, 
Wien 1990,  354 Seiten, �S 348,-
"Die nach dem Ersten Weltkrieg ge�
gen ihren Willen zur Eigenstaatlich�
keit verurteilte Erste Republik war ein 
politisch-ideologisch zerrissener, wirt�
schaftlich schwacher, von den Sieger�
m�chten geg�ngelter Kleinstaat, der 
nie zu seiner eigenen Identit�t fand. "  
Besser lie�en sich die zwei Jahrzehnte 
�sterreichischer Geschichte zwischen 
1918  und 1938 kaum in einem Satz zu�
sammenfassen. Der Autor des Bandes 
"Der ungeliebte Staat" ,  Friedrich 
Weissensteiner, versucht, dieses Thema 
klar strukturiert und nach metho�
disch-didaktischen Grunds�tzen ei�
nem breiten Leserpublikum zu pr�sen�
tieren. Dieser Versuch ist vollauf ge�
lungen. 
Das Buch bringt nicht nur die politi�
schen und wirtschaftlichen Aspekte 
dieses Zeitabschnitts zur Darstellung, 
sondern ber�cksichtigt auch Kultur, 
Wissenschaft, Kunst und Unterhal�
tungsformen. Der infolgedessen sehr 
umfangreiche Stoff ist in 57 Kapitel 
von meist vier bis f�nf Seiten L�nge 
gegliedert. 
Aussagekr�ftige Bild- und Quellen�
materialien erg�nzen jeweils den Text 
der einzelnen Abschnitte: Fotos 
der handelnden Pers�nlichkeiten 
mit Kurzbiographien, Aktions�
bilder, Wahlplakate, Karikaturen, 
Statistiken, Tabellen, Zeitungsaus-
410  
schnitte, Augenzeugenberichte, Aus�
z�ge aus Geschichtswerken, aus Brie�
fen und Reden, Flugbl�tter und Be�
richte, Passagen aus literarischen Wer�
ken. Literaturangaben am Ende jedes 
Teils dienen als Ansto� f�r eine einge�
hendere Besch�ftigung. 
Wor�ber der Rezensent seine Ver�
wunderung zum Ausdruck bringen 
m�chte, ist lediglich die Tatsache, da� 
der Autor der Abreise des letzten Mon�
archen und den beiden Restaurations�
versuchen in Ungarn (M�rz bzw. Okto�
ber 1921)  jeweils einen eigenen Ab�
schnitt widmet. Der Leser mu� u. a. 
best�rzt zur Kenntnis nehmen, da� 
das Leben der (ex-)kaiserlichen Fami�
lie im Schlo� Eckartsau "hart und ent�
behrungsreich" war. Derart weltbewe�
gende Einzelheiten f�llen insgesamt 
zehn Seiten des Buches. Sie sind der 
Stoff f�r die legitimistische Triviallite�
ratur und die Regenbogenpresse. Was 
aber haben sie in einer knappen und 
komprimierten Darstellung der Ge�
schichte der Ersten Republik verloren? 
Ulrike Weber-Feller befa�t sich in 
ihrem Buch mit der Wirtschaftspolitik 
zwischen 1919  und 1935:  mit der wirt�
schaftspolitischen Praxis der ab 1920 
regierenden Christlichsozialen, den 
Konzepten der oppositionellen Sozial�
demokraten und insbesondere jenen 
der sozialdemokratisch orientierten 
Freien Gewerkschaften. 
Einige grundlegende Fakten �ber 
die Gewerkschaftsbewegung dieser 
Zeit k�nnen aus Weissensteiners Werk 
entnommen werden: Der wesentlichste 
Unterschied zur �ra nach 1945 besteht 
in der organisatorischen Spaltung der 
Arbeitnehmervertretung entlang der 
parteipolitischen und ideologischen 
Bruchlinien. 
Die in der sogenannten Gewerk�
schaftskommission zusammengefa߭
ten Freien Gewerkschaften bildeten 
die mit Abstand st�rkste Interessen�
vereinigung der Arbeitnehmer. W�h�
rend der ersten Phase der �sterreichi�
schen Republik, in der die Sozial�
demokraten die Politik ma�gebend be�
einflu�ten und wesentliche soziale Re-
        

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