Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 4 (4)

Privat- und Staatseigentum an den 
Unternehmungen. Der Zusammen­
bruch des sogenannten "realen Sozia­
lismus" in Osteuropa hat nur be­
stätigt, was schon seit längerer Zeit er­
kennbar war, nämlich daß die Markt­
wirtschaft einer staatlichen Planwirt­
schaft an Leistungsfähigkeit weit 
überlegen ist und daß Dynamik und 
Effizienz einer Wirtschaft von den pri­
vaten Unternehmungen ihre entschei­
denden Impulse erhält. Kienzl geht in 
diesem Zusammenhang auch auf die 
Schwäche der eigenen Vorstellungen 
über die Rolle gemeinwirtschaftlicher 
Unternehmungen ein: "Wenn man die 
Forderungen und Erwartungen, die an 
die Gemeinwirtschaft gerichtet wur­
den und die man in sie setzte, mit den 
Entwicklungen in den späten siebziger 
Jahren und Anfang der achtziger Jah­
re vergleicht, muß man wohl ehrli­
cherweise bekennen, daß die übertrie­
benen Erwartungen, die man in die 
Gemeinwirtschaft setzte, zu vielen 
Fehlentwicklungen, die die Gemein­
wirtschaft vor allem in den achtziger 
Jahren in Bedrängnis brachten, führ­
ten. Betriebliche Mehrleistungen auf 
lohn- und sozialpolitischem Gebiet, 
Widerstand der Betriebsvertretungen 
gegen notwendige Anpassung an geän­
derte wirtschaftliche Bedingungen 
und nicht zuletzt ein Management, das 
auch lieber den bequemen Weg der In­
tervention bei den Landes- und Bun­
despolitikern statt der mühsamen An­
passung, allenfalls mit Konflikten mit 
der Belegschaft, wählte, haben die Ge­
meinwirtschaft weit mehr abgewertet 
als es, gemessen an ihren Zukunftsauf­
gaben, gerechtfertigt ist. Da aber der 
ÖGB klugerweise der Gemeinwirt­
schaft bei weitem nicht jene Bedeu­
tung zugemessen hat, die manche anti­
kapitalistische Schwärmer ihr zumes­
sen wollen, ist er -wenn man das bild­
lich so ausdrücken kann - ein wenig 
gestolpert, aber nicht hingefallen. "  
(S. 23 f.) 
Andererseits warnt der Autor auch 
vor einer totalen Staatsfeindlichkeit 
der Wirtschaftspolitik, zu der das Pen-
del derzeit vor allem in den ehemali­
gen Ostblockstaaten auszuschlagen 
droht. Wenn der Staat die ihm zukom­
menden Aufgaben auf dem Gebiet der 
Wirtschaftspolitik in Bereichen wie 
Infrastruktur und soziale Sicherheit 
nicht aktiv wahrnimmt, so sind davon 
ebenso nachteilige Auswirkungen zu 
erwarten wie von einer überzogenen 
Staatsintervention. 
Eingehend setzt sich Kienzl mit der 
Bedeutung von Verbänden und Sozial­
partnerschaft für die Wirtschaftspoli­
tik und vor allem mit der Kritik von 
rechts und links an ihrer Wirkungs­
weise auseinander. Er schreibt jenen 
Einrichtungen, die er selbst mitge­
schaffen oder mitgeprägt hat, nicht 
nur eine entscheidende Rolle bei der 
Erhaltung der Preisstabilität und indi­
rekt damit auch des hohen Beschäfti­
gungsniveaus in den schwierigen sieb­
ziger und achtziger Jahren zu, sondern 
zeigt auch anband von Meinungsum­
fragen ihre ungebrochene Akzeptanz 
auf, die er in der betrieblichen Koope­
ration und auch in der Österreichi­
schen Mentalität verankert sieht. 
"Manche Kritiker finden, daß die 
Österreicher eine Konfliktscheu hät­
ten, und daß diese Konfliktscheu eine 
Frucht der schlimmen Erfahrungen 
der Ersten Republik sei, als eigentlich 
dauernd Bürgerkrieg herrschte und 
sich die politischen Lager als Todfein­
de sahen. Sie handelten von Zeit zu 
Zeit wie Todfeinde, man denke nur an 
den Aufstand des Schutzbundes, den 
Aufstand der Nationalsozialisten, bei­
des im Jahre 1934, und natürlich auch 
an die bürgerkriegsähnlichen Zustän­
de in den zwanziger Jahren und den 
Terror der austrofaschistischen Regie­
rungen. 
Nun ist es nicht Aufgabe der politi­
schen Parteien, und noch weniger der 
Interessenvertretungen, durch Stel­
lungskämpfe oder Offensiven der 
Journalistik Schlagzeilen und den po­
litologischen Lehrstühlen Forschungs­
material und Themen für Dissertatio­
nen zu liefern. Jedenfalls hat die Er­
fahrung in der Zweiten Republik und 
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