Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 4 (4)

insbesondere die in der Sozialpartner­
schaft gemachte Erfahrung gezeigt, 
daß dem Volk die Konfliktscheu ihrer 
Spitzenpolitiker jedenfalls genützt 
hat." (S. 44 ff.) 
Die größte Gefahr für das in Öster­
reich im Vergleich zu anderen Län­
dern hohe Maß an Ausgewogenheit der 
wirtschaftlichen, gesellschaftlichen 
und politischen Strukturen sieht Ki­
enzl in den unübersehbaren Entsolida­
risierungstendenzen in fast allen Be­
reichen, die er als ein Produkt des 
Wohlstands erklärt, welcher viele Bin­
dungen an früher bestehende Kollekti­
ve aufgelöst hat: "Natürlich ist der 
Mensch, der im Auto, im Einfamilien­
haus, im Fernsehen, in der leeren Fa­
brik und im Büro vereinzelt ist, und 
vor allem im Auto den Mitmenschen 
als Gegner, zumindest als Konkurren­
ten um den Parkplatz und um das 
Überwechseln bei der Kreuzung sieht, 
ein anderer als jener, der in der Fabrik 
auf Gedeih und Verderb auf seinen 
Kollegen angewiesen war. Dazu 
kommt noch die Erziehung in der 
Kleinfamilie, womöglich als Einzel­
kind, und in der Schule, die junge 
Menschen mit einem Übermaß an 
Selbstbewußtsein erfüllt. Ihnen wird 
eingetrichtert, daß sie die Gewerk­
schaft nicht brauchen, sondern ihre 
Probleme mit dem Chef schon am be­
sten selber regeln können. Aber im 
tiefsten Grund ihres Bewußtseins 
rechnen sie damit, daß, wenn etwas 
schiefgeht, schon die Gemeinschaft 
helfen wird, sei es, daß sie sich um ei­
nen Arbeitsplatz sorgt, sei es, daß sie 
für selbstverursachte Krankheiten 
und Unfälle mit ihrem Gesundheits­
vorsorge- und Fürsorgesystem zu Hilfe 
kommen wird."  (S. 87 f.) 
Hier sieht Kienzl eine wichtige Auf­
gabe vor allem für die Gewerkschafts­
bewegung darin, die Angewiesenheit 
des einzelnen auf die Gesellschaft und 
ihre Unterstützung in vielen Lebensla­
gen den Menschen wieder mehr be­
wußt zu machen und so dem um sich 
greifenden Floriani-Prinzip entgegen­
zutreten. 
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Gewisse Gefahrenzeichen für die 
Solidarität sieht Kienzl auch in der 
Gewerkschaftsbewegung, in vereinzelt 
erkennbaren Tendenzen, Gruppenvor­
teile durch Vorpreschen bei Lohnfor­
derungen zu erringen. In den meisten 
Fällen hätten sich solche Gruppen 
selbst geschadet, bei einer Aufgabe der 
solidarischen Lohnpolitik wären je­
doch für die Arbeitnehmer als Ge­
samtheit schwerwiegende Nachteile 
zu erwarten. Als wichtigstes Ziel ge­
werkschaftlicher Politik bezeichnet 
Kienzl in Zukunft weiterhin die Voll­
beschäftigung, nicht zuletzt deshalb, 
weil sie von rechts und links zuneh­
mend in Frage gestellt wird. Vollbe­
schäftigung wirklich zu wollen heißt 
aber auch, ihr andere Forderungen 
wirtschafts- oder sozialpolitischer Art 
erforderlichenfalls auch unterzuord­
nen. 
Soweit einige wichtige Grundzüge 
des wirtschafts- und sozialpolitischen 
Credos eines altgedienten Gewerk­
schaftsfunktionärs und Notenbankers, 
der zur Erfolgsstory der Zweiten Re­
publik nicht wenig beigetragen hat 
und die Fortsetzung der erfolgreichen 
Entwicklung der letzten viereinhalb 
Jahrzehnte auch in Zukunft für wün­
schenswert und möglich hält. Dennoch 
mischen sich in den generellen Opti­
mismus des Autors auch gewisse 
Zweifel, welche offenbar auch im Ti­
tel, bei dem ein leicht resignativer Un­
terton unüberhörbar mitklingt, zum 
Ausdruck kommen sollen. 
Die Skepsis hat offensichtlich auch 
psychologische Gründe, daß die mei­
sten Weggefährten und Mitkämpfer 
des Autors, die eine politische Orien­
tierung persönlich verbürgten, heute 
von der politischen Bühne abgetreten 
sind. Über das ganze Buch verstreut 
finden sich viele persönliche Reminis­
zenzen an Akteure der Wiederaufbau­
periode, welche der Lektüre des an 
sich schon flüssig geschriebenen Bu­
ches zusätzliche Würze geben. 
Teilweise scheint Kienzls Skepsis 
auch aus einer Überbewertung be­
stimmter Entwicklungen zu resultie-
        

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