Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1991 Heft 4 (4)

CHRISTOPH KOLUMBUS UND 
DER BEGINN DER NEUZEIT 
Rezension von: Kirkpatrick Sale, Das 
verlorene Paradies: Christoph Kolum­
bus und die Folgen, Paul List Verlag, 
München, Leipzig 1991 ,  496 Seiten, 
DM 48,-
Die "Entdeckung" Amerikas durch 
Christoph Kolumbus jährt sich 1992 
zum fünfhundertsten Mal. Aus diesem 
Anlaß erscheinen derzeit eine ganze 
Reihe von Büchern, die sich der Per­
son, dem gesellschaftlichen Umfeld 
und den Folgen dieses historischen Er­
eignisses widmen. Hier soll auf das 
außerordentlich lesenswerte und 
spannende Buch des US-amerikani­
schen Historikers Kirkpatrick Sale 
"Das verlorene Paradies: Christoph 
Kolumbus und die Folgen" hingewie­
sen werden. Wenn auch die eine oder 
andere These des Verfassers umstrit­
ten ist und wohl - aufgrund der zum 
Teil schlechten Quellenlage und der 
vielfältigen Interpretationsmöglich­
keiten - bleiben wird, ist es interes­
sant und provozierend genug, um sich 
intensiver damit zu beschäftigen. 
Beginnend mit dem entscheidenden 
Jahr 1492 schildert Sale anhand des 
Bordbuches von Kolumbus und den 
Berichten der Zeitgenossen die vier 
Reisen des Kolumbus in die Karibik 
und an die Küsten Mittel- und Süd­
amerikas in der Zeit von 1492 bis 1504. 
Dabei werden nicht nur die Person 
und die Motive des Kolumbus aufgear­
beitet - neben dem in der populären 
Literatur noch dominierenden Ent­
deckungsdrang, vor allem die "Gier" 
nach Reichtum und Macht -, sondern 
auch mit analytischer Tiefe und 
Schärfe die Folgen für die von dieser 
historischen Tat betroffenen "U rein­
wohner" geschildert - hier der Geno-
570 
zid an der Bevölkerung und die Zer­
störung einer durchaus beachtenswer­
ten Lebensweise. Sale stellt diese Rei­
sen in den weitaus bedeutenderen 
Kontext des Beginns der Neuzeit und 
verfolgt schließlich, zwangsläufig in 
immer schnelleren Schritten, die Re­
zeption der Entdeckungen des Kolum­
bus und die weitere Entdeckungs- und 
Eroberungsgeschichte Amerikas bis in 
die Jetztzeit. 
Die leitende Frage ist die nach den 
Ursprüngen und Wirkungen unserer 
westlichen Zivilisation, eine Frage, die 
aufgrund der aktuellen Problemlagen 
oder gar der Frage der langfristigen 
Überlebensfähigkeit der industriell­
kapitalistischen Welt immer mehr an 
Bedeutung gewinnt. Die vom Verfas­
ser in aller Ausführlichkeit diskutier­
ten und zum Teil umstrittenen Details 
der Reisen des Kolumbus sollen hier 
im weiteren nicht betrachtet werden, 
vielmehr geht es um die zuletzt ange­
rissene Frage der Entstehung der Neu­
zeit und den sich daraus ergebenden 
Folgen. Grundlegend zum Verständnis 
der Reisen ist für Sale das Umfeld im 
15 .  Jahrhundert, einer Zeitspanne in 
der Menschheitsgeschichte, die vom 
Endzeitdenken ebenso geprägt war 
wie von Gewalt, Krankheit, Hungers­
not, verstärktem Materialismus und 
aufkommender Rationalität, sowie der 
Erfindung von Druckerpresse und 
Feuerwaffen - einer komplexen Kom­
bination z. T. neuartiger Elemente, die 
die grundlegenden Voraussetzungen 
für jenes Wirtschaftssystem bildeten, 
das wir heute Kapitalismus nennen 
(S. 40-60)'.  
Die noch im Mittelalter wirksamen 
religiösen Schranken des individuel­
len und kollektiven Erwerbsstrebens 
wurden nach und nach aufgelöst, und 
es formte sich ein gesellschaftliches 
Umfeld, in dem sich die Dynamik 
marktwirtschaftlieh-kapitalistischen 
Wirtschaftens - zweifellos auf Kosten 
von Mensch und Natur - scheinbar 
grenzenlos ausweiten konnte. Die Rei­
se des Kolumbus " . . .  war der Anfang 
eines langen, wohlvorbereiteten und
        

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