Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 2 (2)

KONSUMGENOSSENSCHAFTEN 
IN DER KRISE 
Rezension von: Johann Brazda, Der 
Rechtsformwandel bei Genossen­
schaften - am Beispiel der deutschen 
Konsumgenossenschaften; Robert 
Schediwy, Probleme des föderativen 
Verbundes der Konsumgenossen­
schaften in Frankreich, Wiener 
Studien des Forschungsinstitutes für 
Genossenschaftswesen, Band 7 ,  
Eigenverlag des FOG, Wien 1991 ,  
184  Seiten, öS 88,-. 
Der größte Wirtschaftsprozeß der 
deutschen Rechtsgeschichte wurde zu 
Jahresbeginn in Frankfurt gegen ehe­
malige Manager der coop-Gruppe 
eröffnet. Gegenstand der Anklage sind 
unter anderem Bilanzfälschung, Un­
treue und Kreditbetrug. Die Verant­
wortlichen französischen Konsumge­
nossenschaften hingegen begingen ein 
in der Öffentlichkeit wenig beachtetes 
"stilles Begräbnis" .  Sie hatten die 
Zentralinstitutionen sowie mehrere 
Regionalgenossenschaften ohne evi­
dente persönliche Bereicherungsab­
sicht in den Ruin manövriert. 
Der Zusammenbruch der Konsum­
genossenschaften in Deutschland und 
Frankreich signalisiert das drohende 
Ende einer Idee, die in der zweiten 
Hälfte des vorigen Jahrhunderts als 
Produkt des Wandels zur modernen 
Industriegesellschaft ihren Anfang 
nahm: Vor dem Hintergrund des ge­
sellschafts- und wirtschaftspoliti­
schen Liberalismus sahen sozialrefor­
merische Vordenker in den Konsum­
und Kreditgenossenschaften eine 
Selbsthilfe zum Aufbrechen der Ab­
hängigkeiten der unterprivilegierten 
Arbeiterbewegung. In dem Jahrhun­
dert ihres Bestehens waren die Genos-
sensehaften einem ständigen struktu­
rellen Anpassungsdruck ausgesetzt. 
Einerseits zwangen die weltgeschicht­
lichen Ereignisse zur Neuorientierung; 
andererseits erforderte die Dynamik 
der wirtschaftlichen Entwicklung 
nicht nur Reaktionsschnelligkeit, son­
dern vielmehr auch Antizipation 
zukünftiger Markttrends. Offensicht­
lich vermochten die meisten genossen­
schaftlich organisierten Unternehmen 
auf einen Wandel der politischen Rah­
menbedingungen - etwa die Nah­
rungsmittelrationierung während der 
Weltkriege - weitaus effizienter - zu 
reagieren als auf ökonomische Verän­
derungen. Eine aktuelle Rundschau 
über Europa eröffnet ein weitgehend 
düsteres Bild: Das Überleben der Kon­
sumgenossenschaften scheint nur in 
jenen Ländern gesichert, in denen die 
politische Willensbildung einen ge­
schützten Markt für den Einzelhandel 
aufrechterhält (z. B. Italien). In ande­
ren Ländern befinden sich Genossen­
schaften mehr oder minder konsoli­
diert in der Phase eines geordneten 
Rückzuges - ein Szenario, das derzeit 
für Österreich gilt. In führenden Indu­
strienationen, beispielsweise in Belgi­
en und den Niederlanden, haben die 
Handelsgenossenschaften überhaupt 
aufgehört zu existieren. Die histori­
sche Entwicklung der Konsumgenos­
senschaften in Deutschland und 
Frankreich bis zu ihrem Untergang 
bildet den Inhalt der beiden in diesem 
Band veröffentlichten Studien. 
Im ersten Kapitel seiner Untersu­
chung der deutschen Genossenschafts­
bewegung geht Brazda auf die unter­
schiedlichen ideologischen Positionen 
ein, die zum Entstehen der ersten bür­
gerlichen und sozialdemokratisch ori­
entierten Selbsthilfeorganisationen 
geführt hatten. In diese Periode fallen 
auch der Gründungsboom, die Bildung 
von zentralen Institutionen sowie der 
Ausbau der Eigenproduktion. Den 
größten Aufschwung ihrer Geschichte 
verzeichneten die deutschen Konsum­
genossenschaften während ihrer Ein-
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