Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 
bindung in die Bewirtschaftungspoli­
tik des Ersten Weltkrieges und in den 
späten zwanziger Jahren (Kapitel 2) .  
Den wesentlichen Grund für diese er­
folgreiche Entwicklung sieht Brazda 
nicht zuletzt in den ökonomischen 
Vorteilen, die die Konsumgenossen­
schaften während dieser Inflations­
jahre ihren Mitgliedern boten. Das ge­
nossenschaftliche Bewußtsein als Teil 
eines allgemeinen Klassenbewußtseins 
hingegen verlor im Zusammenhang 
mit der zunehmenden politischen und 
gesellschaftlichen Integration der Ar­
beiterschaft an Bedeutung. Nach der 
Gleichschaltung im Dritten Reich 
wurde 1 945 eine einheitliche Konsum­
genossenschaftsbewegung gegründet. 
Diese unterstellte sich zwar grund­
sätzlich den Gesetzen des Marktes und 
freien Wettbewerbes, konnte jedoch 
mit dem Strukturwandel im Einzel­
handel nicht Schritt halten. Anfang 
der siebziger Jahre waren die veralte­
ten Konsum-Läden nicht mehr wett­
bewerbsfähig. Die regionalen Genos­
senschaften konzentrieren sich dar­
aufhin unter einer zentralen coop­
Holding-AG. Pari passu wandelten 
sich auch fünf der sieben großen Re­
gionalgenossenschaften zu Aktienge­
sellschaften um. Als strukturelle 
Schwächen der neuen Unternehmens­
gruppe betont Brazda, daß nur notlei­
dende coop-Genossenschaften die 
Konzernierung mittrugen und daß der 
Rechtsformwandel nicht mit einer 
neuen Unternehmensstrategie verbun­
den war. So war die coop stets auf Zu­
schüsse ihrer Kapitaleigner, mehrheit­
lich der Bank für Gemeinwirtschaft 
sowie der Gewerkschaftsholding, an­
gewiesen. Nachdem die beiden 
Hauptaktionäre aufgrund eigener Fi­
nanzschwächen ihre Anteile abgeben 
mußten, wurden Mitte der achtziger 
Jahre schwere Liquiditätsengpässe 
und die hohe Verschuldung des Kon­
zerns evident. Darüber hinaus enthüll­
ten Berichte eines deutschen Nach­
richtenmagazins in den Jahren 1987 
und 1 988 abenteuerliche Firmen- und 
266 
1 8. Jahrgang (1 992), Heft 2 
Beteiligungskonstruktionen. Diese Be­
richte führten zum Rückzug der Gläu­
biger und letztlich zur Notwendigkeit 
der Veräußerung der einzelnen Unter­
nehmensteile. Erfolgreich überlebt ha­
ben wenige lokale Konsumgenossen­
schaften. Brazda hebt als frühe Ursa­
chen für das Scheitern der Konsumge­
nossenschaften den Nachkriegskon­
servativismus der Führung hervor, als 
rezente Gründe eine unkontrollierte 
Expansion und die Inkompetenz der 
Gewerkschaft als Eigentümer und Un­
ternehmer (Kapitel 3). Auf die Ma­
chenschaften des coop-Vorstands bei 
Vernachlässigung des Stammgeschäf­
tes geht der Autor nur kurz ein. Gera­
de diese Faktoren führten allerdings 
m. E. den zwar schwer angeschla­
genen, aber grundsätzlich sanierungs­
fähigen Handelskonzern in die Kata­
strophe. 
Zur Untersuchung der Krise der 
französischen Konsumgenossenschaf­
ten geht auch Schediwy im Kapitel 1 
seiner Studie zu den Wurzeln der ge­
nossenschaftlichen Frühzeit zurück. 
Abgesehen von der überaus erfolgrei­
chen Regionalorganisation Nancy er­
weisen sich die französischen Genos­
senschaften von Anfang an als relativ 
schwach. Den endgültigen Verlust 
ihrer Pionierrolle im Einzelhandel 
mußten die Regionalgenossenschaften 
nach 1 945 im Wettbewerb gegen pri­
vate Großfilialisten hinnehmen. Die 
häufig als kleine Familienbetriebe ge­
führten Läden verloren bald ihr posi­
tives Image bei jüngeren und preisbe­
wußten Konsumenten. Auch in Frank­
reich unterließ oder verzögerte die 
Führung längst fällige Investitionen in 
moderne Technologien und Humanka­
pitaL Methoden rentablen Manage­
ments wurden weitgehend negiert. 
Darüber hinaus behinderte die Domi­
nanz der großen Regionalgenossen­
schaften gegenüber der relativen 
Schwäche der Pariser Zentralorgani­
sationen die rechtzeitige Sanierung 
der notleidenden Unternehmensgrup­
pe. Die Finanzierungs- und Verschul-
        

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