Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 2 (2)

GESCHICHTE DER STEIRISCHEN 
ARBEITERKAMMER IN DER 
ERSTEN REPUBLIK 
Rezension von: Heidemarie Uhl, Ge­
schichte der steirischen Kammer für 
Arbeiter und Angestellte in der Ersten 
Republik, Europaverlag, Wien 1991 ,  
340  Seiten, öS 280,-. 
Der Kammerstaat - die für die Öster­
reichische Realverfassung so spezifi­
sche Form der Mitwirkung von gesetz­
lichen Interessenvertretungen der Ar­
beitgeber, der Arbeitnehmer und der 
Landwirtschaft an der staatlichen 
Willensbildung - ist seit einiger Zeit in 
den Mittelpunkt politischer Auseinan­
dersetzungen gerückt. Insbesondere 
die Institution der Arbeiterkammer 
wird aus sehr unterschiedlichen Moti­
ven von den Oppositionsparteien, al­
len voran der FPÖ, aber auch von Tei­
len der ÖVP heftigst angegriffen. 
"Travnicek, wozu brauchen wir das?" 
Die berühmte Qualtingerfrage wird 
wieder einmal gestellt. 
In einem solchen Augenblick scheint 
es mir besonders wichtig und ange­
bracht, zu versuchen, von historischer 
Warte her eine Antwort auf die Frage 
nach Sinn und Daseinsberechtigung 
einer Einrichtung zu geben, die, gera­
de weil sie in der Geschichte Öster­
reichs nach 1 945 für viele zur Selbst­
verständlichkeit wurde, allzu wenig 
grundsätzlich überdacht wird. Heide­
marie Uhl, Mitarbeiterin am Institut 
für Zeitgeschichte an der Universität 
Graz unter der Leitung von Prof. Hel­
mut Konrad, gebührt aufrichtiger 
Dank für ihre Bemühung, am konkre­
ten Beispiel der steirischen Arbeiter­
kammer dem Problemkreis der gesetz­
lichen Interessenvertretung der Arbei­
ter und Angestellten nachgegangen zu 
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sein. Es ist wahrhaftig ein weiter Weg 
von den ersten Forderungen nach ei­
ner Arbeiterkammer bis zum Modell 
der Wirtschafts- und Sozialpartner­
schaft der Gegenwart. Umso staunens­
werter, wie manche Probleme im Lauf 
von mehr als hundert Jahren gleichge­
blieben sind. 
Es begann wie so vieles in unserem 
Land mit dem ersten stürmischen Ver­
such, den Anforderungen einer her­
aufkommenden Industriegesellschaft 
gerecht zu werden, im Jahr 1848.  Die 
Unternehmerseite konnte sich mit ih­
rer Forderung nach Errichtung von 
Handelskammern durchsetzen. Die 
Arbeitnehmerseite wollte für die Wah­
rung ihrer Interessen eine gleichartige 
Institution. In der Geschichte der 
Österreichischen Arbeiterbewegung 
erscheint diese Forderung als ein er­
stes, punktuelles Lebenszeichen einer 
völlig entrechteten und zudem damals 
zahlenmäßig noch unbedeutenden 
Klasse. Es mußte erst zur militäri­
schen Niederlage 1867 gegen Preußen 
kommen, daß sich die k. u. k. Monar­
chie zur Dekretierung von Grund- und 
Freiheitsrechten bequemte, darunter 
auch die Vereins- und Versammlungs­
freiheit. Markstein für die Arbeiterbe­
wegung wird die Erringung des Koali­
tionsrechtes 1870. Zum erstenmal 
wird es legal zulässig, "sich wegen ge­
meinsamer Einstellung der Arbeit zu 
verabreden, zur Durchsetzung besse­
rer Arbeitsbedingungen mit Streiks zu 
drohen und Vereinbarungen zur Un­
terstützung der Streikenden zu tref­
fen" .  Das erste klar umrissene Kon­
zept für eine Arbeiterkammerorgani­
sation entstammt einem Memorandum 
aus dem Jahre 1872,  dessen Inhalt von 
einer Volksversammlung der Wiener 
Arbeiter diskutiert und aufgrund 
mehrheitlicher Zustimmung an 
Reichsrat und Regierung übermittelt 
wurde. Die Forderung nach Einrich­
tungen, "die über sämtliche Arbei­
terangelegenheiten Wünsche und Vor­
schläge in Beratung zu nehmen hätten, 
von der Regierung über die Arbeiter-
        

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