Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 2 (2)

Wirtschaft und Gesellschaft 
ton der Bewunderung zu vermelden, 
daß der Guillotine "die Einfachheit 
und Universalität eines Axioms eignet: 
sie besteht aus den geometrischen Ele­
mentarfiguren Kreis, Rechteck und 
Dreieck" (S. 53}.  Hier soll nun Burger 
gewiß nicht unterstellt werden, die 
von ihm selbst deklarierte "rationali­
stische Kälte des Terrors" zu befür­
worten (etwa nach jener Metapher, wo 
gehobelt wird, fallen Späne, die so 
große Rolle bei der Legitimierung der 
stalinistischen Opfer beim "Aufbau 
des Sozialismus" gespielt hat). Aber 
die Art, wie er die "qualvoll-endlose 
Hinrichtung des Damiens von 1757 ,  
der Ludwig XV. einen Kratzer zuge­
fügt hatte" ,  mit der "Serie luzider 
Schocks" (sie ! )  des revolutionären 
Terrors kontrastiert, weist ihn doch 
als Meister des Euphemismus aus 
(S. 53). Freilich, der Beitrag stammt 
vom März 1989,  ist also rückschauen­
de Revolutionsfeier für 1789. Aber daß 
darin der Terror als quasi unverzicht­
bares, ja geradezu beneidenswertes hi­
storisches Erbe figuriert, verwundert 
schon ein wenig. Burger stellt zuletzt 
(S. 57) die Frage, was es für das Selbst­
bewußtsein eines Volkes wie des Öster­
reichischen oder deutschen bedeute, 
"wenn es niemals als freies vor seiner 
eigenen Freiheit erschrak, sondern im­
mer nur vor seinen Herren?" Man 
könnte hier spontan einige Völker 
nennen, etwa die Schweden oder 
Schweizer, die auch ohne solche bluti­
ge Tradition ein beachtliches Selbst­
bewußtsein erkämpft haben . . .  
"Moral ist etwas für die kleinen 
Leute und sie sorgt dafür, daß sie klei­
ne bleiben." "Sie spart Kosten der Re­
pression, indem sie diese die Individu­
en an sich selbst verrichten läßt, 
gleichsam in unbezahlter Heimar­
beit ." Mit diesen brillanten Einlei­
tungssätzen fängt ein (Rezensions-) 
Beitrag an, der dem guten altlinken 
Topos des Antiphilisterturns huldigt. 
Opfer ist der christliche Ethiker 
Robert Spaemann, dessen Vorstel­
lungswelt Burger wie die "Hausord-
1 8. Jahrgang (1 992), Heft 2 
nung eines Seniorenheims" erscheint. 
"Hier werden wieder Bindungen ge­
predigt und das zerrissene Bewußtsein 
der Moderne durch sanftes Handaufle­
gen geheilt ."  Schön formuliert - aber 
Burgers materialistisches Eintreten 
für ein "Glück, das endlich ist, dafür 
aber real und im Diesseits" ,  ist ganz 
auf die Lächerlichmachung des bie­
deren Christenmenschen gerichtet und 
reflektiert nicht im geringsten die zwi­
schenmenschlichen Reibungsflächen 
der modernen Selbstentfaltungsethik. 
Auch dort, wo Burger sich dem 
"Verschleiß gleichsam naturwüchsiger 
Moralressourcen" zuwendet, der Er­
schöpfung traditionaler Sinn- und 
Verpflichtungssysteme durch den libe­
ralkapitalistischen Wirtschaftsprozeß, 
wird übrigens die "Tugend des Ter­
rors" (Saint-Just und Robespierre) für 
ihn zum Faszinosum. Hier freilich 
ringt er sich zum klaren Satz durch: 
"Die Politik spielt sich im Relativen ab 
und führt immer dann zu Katastro­
phen, wenn sie Ideale verwirklicht und 
moralisch rein bleiben will" (S. 89}. 
Was "das Grüne" betrifft, das Burger 
immerhin im Titel hat, so hält er es, man 
verzeihe den Kalauer (1} hier eher mit 
dem Wiesengrund als mit der Aubeset­
zung. Letztere ist für ihn ein "Initia­
tionserlebnis",  das er sich offenbar ger­
ne erspart hat. Seine Polemik gegen Fre­
da Meissner-Blau entbehrt nicht der bil­
ligen Gags ("alternatives Denken als Al­
ternative zum Denken", die "aufgereg­
ten Phrasen, welche die ökologistische 
Literatur ebenso unerträglich machen 
wie die Zustände, die sie beschreibt",  
"Warnungs- und Erweckungsprosa" 
etc.) Indem Burger aber den grünen Rea­
loflügel anhand eines Buches von Josch­
ka Fischer als "realistisches Modernisie­
rungsprogramm für die deutsche Indu­
strie" denunziert, kokettiert er gerade 
mit den Borniertesten der Grün-Alter­
nativen, denen ihre Wahlsiege von den 
vermorschten Regierungsparteien auf 
den Tisch gelegt werden müssen, weil sie 
selbst eher Wählervertreibung prakti­
zieren. 
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