Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 4 (4)

1 8. Jahrgang (1 992), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
Die Entwicklung der 
Handelsbeziehungen Österreichs zu 
den anderen Nachfolgestaaten nach 
dem Ersten Weltkrieg <1) 
Jürgen Nautz 
1983 hat Helmut Rumpier die These vertreten, daß die außenpolitische 
Grundproblematik der Ersten Republik eine fast vollkommene Isolie­
rung des neuen Staates gewesen sei, zu deren Überwindung keine oder 
nur unzureichende Konzepte entwickelt worden seien. Die europäische 
Politik habe aus gesamteuropäischem Friedenskalkül heraus im Zusam­
menspiel zwischen Westeuropa, Italien und den Nachfolgestaaten einen 
selbständigen Staat geschaffen, ohne diesen außenpolitisch konsequent 
im Sinne der Erhaltung seiner Selbständigkeit zu unterstützen (2). Wenn 
Krüger zuzustimmen ist, daß die Friedensordnung von Paris problema­
tisch blieb (3), so muß Rumpiers Einschätzung doch in mehrfacher Hin­
sicht hinterfragt werden: Etwa hat Alice Teichova zurecht darauf auf­
merksam gemacht, daß das Beharrungsvermögen der bisherigen Wirt­
schaftseinheit, dem die politische Zersplitterung nach dem Weltkrieg 
entgegenwirkte, in der historischen Forschung oft unterschätzt worden 
ist. Die Nachfolgestaaten konnten die Umstrukturierung ihrer Gesell­
schaft und Wirtschaft aus eigener Kraft nicht durchsetzen. Die Politiker 
und Wirtschaftskreise der Industriestaaten betrachteten auch nach 
1918, trotz der Bildung der Nationalstaaten, bei der Formulierung und 
Durchsetzung ihrer politischen und wirtschaftlichen Interessen den Do­
nauraum als eine Einheit (4). Die Auswirkungen der Desintegration des 
Wirtschaftsraumes der Monarchie sind bislang zumeist überbewertet 
worden. Die negativen Bewertungen der Desintegrationseffekte gehen, 
so Karl Bachinger, zumeist von zwei Prämissen aus: einem illusionären 
Bild von der Monarchie als harmonischer, supranationaler Wirt­
schaftseinheit, und der Benachteiligung Österreichs bei der Aufteilung 
der Konkursmasse der Monarchie (5) .  Es ist zu fragen, ob Österreich 
nach dem Krieg tatsächlich isoliert dastand. Wie hat sich die staatliche 
Neuordnung des Staatsgebiets der Donaumonarchie ausgewirkt? Rissen 
die alten Wirtschaftsbeziehungen wirklich ab? In diesem Beitrag soll 
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