Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1992 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 
len, mit dem damals Machbaren zu 
vergleichen. Statt also von den realen 
politischen und wirtschaftlichen 
Chancen zur Verwirklichung dieses 
auf den Donauraum beschränkten re­
gionalwirtschaftlichen Ansatzes aus­
zugehen, den Handlungsspielraum der 
Österreichischen Regierung unter Ein­
beziehung der wirtschaftlichen und 
sozialen Lage der Bevölkerung im 
Osten des Landes und unter den Be­
dingungen der vierfachen Besetzung 
auszuloten, vielleicht auch mögliche 
Alternativen aufzuzeigen, kurz den 
eingeschlagenen "Weg nach Westen" 
als Ergebnis eines bestimmten, von 
vielen Seiten beeinflußten Kräftepar­
allelogramms zu beschreiben (und 
auch zu kritisieren),  ergeht sich der 
Autor - soviel vorweg - in allgemei­
nen, schlecht recherchierten, schlam­
pig präsentierten Phrasen über das 
wirtschaftliche und politische Heme­
gonialstreben der USA, in dem der so­
genannte "Marshallplan" eine zentra­
le Rolle einnimmt. Das "European Re­
covery-Program" (ERP), wohl lange 
Zeit unter Einfluß der "Kalten­
Kriegs-Propaganda" gelobt und ge­
priesen, wird heute allgemein von 
Wirtschaftshistorikern zwar in seiner 
Zielsetzung und Wirkung differenzier­
ter und kritischer beschrieben, für un­
ser Land aber übereinstimmend als 
unverzichtbare Hilfe für den Wieder­
aufbau beurteilt. Anders Hannes Hof­
bauer, für den der "Marshallplan" den 
Kern der hegemonialen N chkriegspo­
litik der USA darstellt: "Er trennte 
Ost- und W esteuropa, bevorzugte ge­
zielt Investitionen in industriellen 
Zentren und vernachlässigte krisenan­
fällige periphere Räume, stellte Wirt­
schaftswachstum vor soziale Gerech­
tigkeit und trug zur Entwicklung des 
West-Ost-Gefälles innerhalb Öster­
reichs bei" (so der Klappentext des 
Bandes). Soweit der Ansatz und Inhalt 
eines Bandes, der sich in Kapitel über 
die politischen und wirtschaftlichen 
Optionen für Europa und Österreich 
1945 (S. 9-42), die amerikanische 
590 
1 8. Jahrgang (1 992), Heft 4 
Außen- und Wirtschaftspolitik von der 
Atlantic Charta bis zum Marshallplan 
(S. 43-144) und in Aspekte der Durch­
führung des Marshallplanes in Öster­
reich (S. 145-194) gliedert. 
Wer nun glaubt, hier gut recher­
chierte, mit neuen, interessanten Ma­
terialien angereicherte Analysen vor­
zufinden, wird bitter enttäuscht. Mit 
einer Nonchalance sondergleichen 
übergeht der Autor nicht nur die 
reichlich vorhandene Literatur, nahe­
zu alle Standardwerke zur österreichi­
schen, europäischen und internationa­
len Wirtschaftsgeschichte, sondern 
findet es außerdem nicht einmal der 
Mühe wert, die in der Forschung heftig 
diskutierten, zentralen Fragestellun­
gen zur Politik der USA, zur Ost­
West-Konfrontation und zu Inhalt und 
Aufgabe des Marshallplanes zu benen­
nen, geschweige denn in sein (Mach-) 
Werk zu integrieren. Eine Literatur­
liste mit Monografien und Aufsätzen 
zum Thema "österreichische Wirt­
schaftsgeschichte ab 1945"  und "ERP" 
kann Herr Hofbauer auf Anfrage ger­
ne überreicht werden, gleichsam als 
Entwicklungshilfe in Sachen seriöser 
Wirtschaftsgeschichtsschreibung. 
Des Autors postmarxistische Liebe 
zum "Realsozialismus" der Sowjetuni­
on (der Autor verwendet "realsoziali­
stische Staaten" ohne Anführungszei­
chen) hält auch nach dem Zusammen­
bruch des kommunistischen Systems 
in der Sowjetunion und seinen Satelli­
tenstaaten unvermindert an (selbst­
verständlich haben die Staaten Osteu­
ropas freiwillig und nicht etwa auf 
sowjetischen Druck den "Marshall­
plan" abgelehnt ! S. 1 1 1) .  Dies und 
seine Kritik an der auf eigene (Wirt­
schafts-)Machtinteressen bedachten 
Politik der USA wären per se keine 
Fehler (und könnten zu einer durchaus 
fruchtbringenden Diskussion führen, 
nachdem vielleicht in Zukunft auch 
ehemalige sowjetische Akten zur Ver­
fügung stehen werden), wenn sie der 
Autor historisch stringent zu begrün­
den wüßte. Doch davon ist keine Rede.
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.