Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 
DOGMENGESCHICHTE ALS 
GESCHICHTE DER 
ÖKONOMISCHEN VERNUNFT 
Rezension von: Karl Pribram, 
Geschichte des ökonomischen 
Denkens. 2 Bände, Suhrkamp-Verlag, 
Frankfurt am Main 1 9 9 2 ,  1233 Seiten, 
DM 1 7 8,-. 
I. 
Wenn die dogmengeschichtlichen 
Werke großer Ökonomen wie dasjeni­
ge Joseph Schumpeters unvollendet 
geblieben sind und erst posthum ver­
öffentlicht wurden, so ist dies ein Indiz 
dafür, daß das ökonomische Denken so 
vielfältig und seine Entwicklung so 
verzweigt ist, daß eine umfassende, 
sich nicht bloß auf die Werke der 
großen Meister beschränkende Dar­
stellung die Kräfte eines einzelnen zu 
übersteigen droht. Auch Karl Pri­
brams History of Economic Reasoning, 
zehn Jahre nach dem Tod des Autors 
veröffentlicht und nun auch in einer 
mustergültigen deutschen Überset­
zung vorgelegt, blieb unvollendet -
trotz des hohen Alters, das Pribram im 
Unterschied zu Schumpeter zu errei­
chen vergönnt war. 
Karl Pribram wurde 1877 in Prag 
geboren (1) ,  studierte in Prag, wo er 
von den Lehren der Österreichischen 
Schule nachhaltig geprägt wurde, da­
nach in Berlin und habilitierte sich 
1907 in Wien mit seiner Geschichte der 
Österreichischen Gewerbepolitik (2). 
Im Zuge seiner historischen Forschun­
gen beschäftigte er sich bereits einge­
hend mit theoriegeschichtlichen Fra­
gen (3) und veröffentlichte 1 9 1 2  eine 
kleine Schrift über "Die Entstehung 
der individualistischen Sozialphiloso­
phie" ,  in welcher der Grundgedanke 
seines dogmengeschichtlichen For-
598 
1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 
schungsprogramms dargelegt wird. 
1 9 14 zum außerordentlichen Professor 
an der Universität Wien ernannt, war 
Pribram beruflich in der Ministerial­
bürokratie zuerst der Monarchie und 
später der jungen Republik tätig, wo 
er in der Phase unmittelbar nach dem 
Weltkrieg an den bedeutenden Gesetz­
gebungswerken der Sozialpolitik maß­
geblichen Anteil hatte (4). 1 9 2 1  wurde 
Karl Pribram als Leiter der For­
schungsabteilung der ILO nach Genf 
berufen, 1928 als Professor an die Uni­
versität Frankfurt. Nach der national­
sozialistischen Machtergreifung nahm 
Pribram ein Angebot der Brookings­
Institution in Washington an und ging 
1933 nach den USA, wo er bis 1 9 5 1  in 
verschiedenen Bereichen der Bundes­
bürokratie tätig war (5). Nachdem 
1949 sein Buch "Conflicting Patterns 
of Thought" erschienen war, konnte 
sich Karl Pribram nach seiner Pensio­
nierung ganz der Erforschung der Ent­
wicklung der nationalökonomischen 
Denkweisen zuwenden. Obwohl Pri­
bram, der 1 9 7 3  starb, noch viele Jahre 
an seinem Werk arbeiten konnte, hin­
terließ er es unvollendet. Seiner Witwe 
Edith Pribram (gest. 1988) und Pro­
fessor Lawrence L. Moss (Babson 
College, Massachusetts, USA) ist es zu 
danken, daß aus den hinterlassenen 
Papieren schließlich ein publikations­
fähiges Manuskript erstellt werden 
konnte. 
II. 
Die 1 9 1 2  veröffentlichte Schrift 
"Die Entstehung der individualisti­
schen Sozialphilosophie" gehört dem 
Grenzbereich von Sozialphilosophie 
und Ökonomie an, wobei man aller­
dings bedenken muß, daß die Grenzen 
der ökonomischen Wissenschaft nach 
damaligem Verständnis weiter gezo­
gen waren als heute. Gegenstand ist 
die Entstehung des modernen wirt­
schaftlichen Denkens aus der mittel­
alterlichen und der frühneuzeitlich-
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.