Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 
merkantilistischen Wirtschaftslehre. 
Die heute zumindest für jeden Ökono­
men selbstverständliche Idee des Indi­
viduums und seiner Bedürfnisse als 
Ursprung und Ziel wirtschaftlichen 
Handeins entpuppt sich in historischer 
Betrachtung als ziemlich jung. Für ei­
nen Menschen des Mittelalters jeden­
falls wäre sie völlig unverständlich ge­
wesen, aber auch der erheblich moder­
neren Sichtweise der merkantilisti­
schen Ökonomie war sie fremd, da für 
diese das Kollektiv Staat die zentrale 
Kategorie ist und nicht das Individu­
um. Beide haben in Universalistischen 
Weltanschauungen bzw. Erkenntnis­
theorien ihre Grundlage: Die Wahrheit 
ihrer Prinzipien beruht entweder auf 
einer göttlich geschaffenen Weltord­
nung oder auf ewigen, von individuel­
ler Bewußtwerdung unabhängigen 
Vernunftsprinzipien (Descartes). Die 
Herausbildung einer individualisti­
schen Sozialphilosophie und deren 
schließlicher Triumph mit Adam 
Smiths "Wealth of Nations" sieht Pri­
bram in ursächlichem Zusammenhang 
mit der Infragestellung der universali­
stischen Philosophie zuerst durch den 
Nominalismus Wilhelm von Ockhams 
und dem von dessen Schriften ausge­
henden Siegeszug der individualisti­
schen Erkenntnistheorie, für welche 
eine vom Bewußtsein des konkreten 
Individuums unabhängige Realität 
nicht denkbar ist und welche alle Gat­
tungsbegriffe als bloße Namen an­
sieht, die erst ex post durch Abstrakti­
on gebildet sind und keine Realität be­
sitzen. "Mit Locke, der durch die Ab­
lehnung aller angeborenen Ideen den 
Kampf gegen den nominalistischen 
Vorstellungskreis eröffnete, tritt der 
Individualismus in jene innige Bezie­
hung zum philosophischen N ominalis­
mus, die fortab das gegenseitige Ver­
hältnis dieser Geistesrichtungen cha­
rakterisiert (6) ."  Den polaren philoso­
phischen Begriffen Universalismus 
und Nominalismus korrespondieren 
auf der Ebene von Wirtschaft und Ge­
sellschaft die Begriffe Kollektivismus 
Wirtschaft und Gesellschaft 
und Individualismus. Pribram beg­
nügt sich zum Nachweis dieser Korre­
spondenz mit faktischen Argumenten, 
daß die Nominalisten meist eine indi­
vidualistische Sozialphilosophie ver­
traten, und vice versa. Er versucht 
nicht, einen philosophisch-logisch 
stringenten Zusammenhang zwischen 
den Begriffspaaren abzuleiten. 
Wenn Pribrams Sympathie dem No­
minalismus gehört, so verwendete der 
Österreichische Sozialphilosoph Oth­
mar Spann, ein Zeitgenosse Pribrams, 
dieselbe Unterscheidung in gegenteili­
ger Absicht und entwickelte auf dieser 
Grundlage seine "Ganzheitslehre" ,  
welche politisch in  eine autoritär­
ständestaatliche Ordnung mündet (7). 
Pribram differenzierte unter den 
Universalistischen Denkrichtungen 
später als modernere Richtung einen 
sog. "Pseudouniversalismus" ,  gleich­
zusetzen etwa mit einem Idealismus, 
der die Wahrheit aus dem Wesen der 
Dinge heraus entwickelt, von einem 
Universalismus "ante res" ,  der auf ge­
offenbarten Wahrheiten insistiert (8). 
In einem 1917  ? also zu einer Zeit, in 
der die Welle des kriegerischen Natio­
nalismus noch kaum nachgelassen 
hatte ? veröffentlichten Aufsatz cha­
rakterisierte er mit diesem Ansatz die 
Nationalideologien von Deutschland, 
Rußland und England, und wirbt vor­
sichtig, aber unmißverständlich für 
die politischen Ideale des englischen 
Individualismus (9). In dem 1922 er­
schienenen Aufsatz "Deutscher Natio­
nalismus und deutscher Sozialismus" 
kritisierte Pribram die Marxsche 
Klassentheorie ebenfalls als pseudo­
universalistisch und plädierte gegen 
wirtschaftspolitische Sozialisierungs­
experimente und den Gildensozialis­
mus, der "zu einer zünftigen Politik 
der gesicherten Nahrung" ,  also "zur 
stationären Wirtschaft und zur Aus­
schaltung des ökonomischen Rationa­
lisierungsinteresses" führen müsse 
(10) .  Die in Deutschland besonders 
starke Sympathie für einen Sozialis­
mus, sei es nun der marxistischen oder 
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