Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
Tendenzen der 
Kollektivvertragspolitik in Europa 
Günter Köpke 
1. Strukturelemente der Kollektivvertragspolitik 
1 . 1  Bedeutung der Kollektivvertragsverhandlungen 
Gewerkschaften und Kollektivvertragsverhandlungen hängen zusam­
men wie siamesische Zwillinge. Die Gewerkschaft legitimiert sich durch 
ihre Fähigkeit zu verhandeln. Eine Vereinigung ohne diese Verhand­
lungsfähigkeit ist keine Gewerkschaft. Als freie und demokratische In­
teressenvertretung der Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen haben die 
Gewerkschaften die vorrangige Aufgabe, die Rechte der Arbeitnehmer 
und Arbeitnehmerinnen am Arbeitsplatz zu vertreten und in Wirtschaft 
und Gesellschaft für die Verbesserung der Lebens- und Arbeitsbedin­
gungen einzutreten. Dies setzt positiv das Koalitionsrecht der abhängig 
Beschäftigten voraus und negativ den Ausschluß von Praktiken des 
union-busting, der Gewerkschaftsverfolgung im Betrieb, wie teilweise in 
den USA, und den Ausschluß von gewerkschaftsfreien Zonen, deren 
Errichtung teilweise in Südostasien versucht wurde. 
Kollektivvertragsverhandlungen haben sich als eines der wirksamsten 
Instrumente der Gewerkschaften erwiesen, die Lebens- und Arbeitsbe­
dingungen zu verbessern. Kollektivverträge und arbeits- und sozialpoli­
tische Gesetze bilden das Fundament der Arbeitsbeziehungen, insbeson­
dere in den Ländern Europas. Sie ergänzen einander, wobei Kollektiv­
verträge spezifischer und flexibler sind. 
Dabei gibt es jedoch strukturelle Unterschiede im Verhältnis zwischen 
der Bedeutung von Gesetzen und Kollektivverträgen zu beachten. In 
Ländern wie Großbritannien und Dänemark wie allgemein in den nordi­
schen Ländern haben traditionell Kollektivverhandlungen ein größeres 
Gewicht im Vergleich zu gesetzlichen Regelungen. In Ländern wie 
Deutschland und Frankreich andererseits sind mehr Gegenstände der 
Arbeitswelt gesetzlich geregelt als durch Kollektivverträge. In den mei-
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