Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1993 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 1 9. Jahrgang (1 993), Heft 4 
sten anderen Ländern Westeuropas ist das Verhältnis zwischen Gesetzen 
und Kollektivverträgen ausgeglichener. In allen Ländern wird das Ver­
hältnis jedoch wesentlich mitbestimmt durch das Arbeitsbeziehungs­
system zwischen Gewerkschaften, Arbeitgebern und Regierung in seiner 
historischen Entwicklung wie in seiner Ausprägung unter spezifischen 
(partei-)politischen Konstellationen. 
1 . 2  Einflußfaktoren auf die Verhandlungssituation 
Die Verhandlungssituation der Gewerkschaften wird von vielen Fak­
toren beeinflußt. Ich nenne nur einige besonders wichtige: die Stärke 
und Einflußmöglichkeit der Gewerkschaften, die wirtschaftliche Lage 
und die Perspektiven, die politische Lage und Einstellung der Regie­
rung, die Kampfbereitschaft der Mitglieder, die Strategie der Arbeitge­
ber, die Beeinflussung durch die Medien. Einen anderen bedeutenden 
Faktor bildet die Tarifvertragsstruktur in den verschiedenen Ländern. 
1 . 3 Gewerkschaftlicher Organisationsgrad 
Für die Stärke und Einflußmöglichkeit der Gewerkschaft in den Kol­
lektivvertragsverhandlungen ist der gewerkschaftliche Organisations­
grad ein bedeutender Indikator, wenn er auch nicht isoliert bewertet 
werden darf. In Zeiten der Wirtschaftskrise, steigender Massenarbeitslo­
sigkeit und politischer Zwänge schwächt ein geringer gewerkschaftli­
cher Organisationsgrad besonders einschneidend die Verhandlungsposi­
tion, wie die Erfahrungen vor allem in Frankreich und Spanien belegen. 
Mit durchschnittlich 40 Prozent liegt der gewerkschaftliche Organisa­
tionsgrad in Westeuropa höher als in anderen Ländern, insbesondere 
auch gegenüber den USA und Japan. Jedoch schwankt der Organisati­
onsgrad erheblich zwischen den Ländern Westeuropas, von 12 Prozent in 
Frankreich bis zu 86 Prozent in Schweden. Gewöhnlich sind in kleineren 
Ländern die Beschäftigten stärker organisiert als in größeren Ländern, 
mit Ausnahme der Niederlande und der Schweiz. Einen Organisations­
grad von über 50 Prozent haben die nordischen Länder, Irland und Bel­
gien. Zu Länderen mit mittlerem Organisationsgrad zwischen 30 und 50 
Prozent zählen Deutschland, Großbritannien, Italien, Österreich und 
Luxemburg. Zur Gruppe der Länder mit einem unterdurchschnittlichen 
Organisationsgrad unter 30 Prozent gehören die Schweiz, die Niederlan­
de, Spanien, Portugal, Frankreich, Griechenland und die Türkei. 
In nahezu allen Ländern verloren die Gewerkschaften in den achtziger 
Jahren Mitglieder. Schwach gewerkschaftlich organisierte Länder verlo­
ren relativ mehr Mitglieder, während Länder mit hohem Organisations­
grad geringe Mitgliederverluste erlitten oder sogar Mitgliederzuwachs 
hatten, wie die nordischen Länder. 
Andererseits stieg in den achtziger Jahren der gewerkschaftliche Or­
ganisationsgrad bei Frauen merklich an, besonders in den skandinavi­
schen Ländern. 
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