Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1995 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 
derung solcher dramatischer Krisen­
symptome sind eine stufenweise zu er­
höhende Energiesteuer, eine besonde­
re Innovationsförderung sowie dezi­
diert umweltorientierte Normen und 
Verbote. Die Autoren der Studie re­
kurrieren vor allem auf die Untersu­
chung von Ernst Ulrich von Weiz­
säcker u. a. "Zur ökologischen Steuer­
reform - europäische Ebene und Fall­
beispiel Schweiz" .  
Das Problem der Schweiz ist ein dop­
peltes: Einerseits verfügt sie über große 
alpine Regionen mit prekärer Ökologie, 
andererseits ist das Schweizer Alpen­
vorland sehr dicht besiedelt und seit 
dem Zweiten Weltkrieg einem rasant 
fortschreitenden Zersiedelungsprozeß 
ausgesetzt. Die bebaute Fläche allein 
im "Mittelland" wurde zwischen 1950 
und 1 990 um 1 .300 km2 größer (dreifa­
che Fläche von Wien). Beinahe 20 Pro­
zent des Schweizer Siedlungs- und 
Landwirtschaftsgebietes sind schon be­
baut. Zugleich wurde die landwirt­
schaftliche Bodennutzung intensiviert. 
Naturnahe Flächen verschwanden, die 
Bodenbelastung mit Schadstoffen aller 
Art nahm zu und Bodenpreise stiegen 
überproportionaL Trotz existierender 
gesetzlicher Handhaben bestehe aber 
laut den Autoren der Studie erhebli­
cher Vollzugsnotstand. 
Am Schluß dieser Besprechung soll 
noch der Stellenwert der vorgelegten 
Arbeit im ökonomischen Diskurs be­
leuchtet werden. Trotz ihrer nunmehr 
doch schon relativ langen Entwick­
lungsgeschichte und ihrer beachtli­
chen Ausdifferenzierung wird die Re­
gionalökonomie von der Mainstream­
Ökonomie kaum zur Kenntnis genom­
men. Dies hat vermutlich auch mit 
weitgehender Verdrängung der 
Flächen- und Raumdimension im ak­
tuellen ökonomischen Diskurs zu tun. 
Eine der besonderen Meriten dieser 
Schrift besteht nun m. E. in ihrem Ver­
such, Regionalpolitik und Ökonomie 
im Zusammenhang industrie-, global­
ökonomischer und ökologischer Ent­
wicklung zu betrachten. Zumeist wird 
202 
21 . Jahrgang (1 995), Heft 1 
dieser Kontext übersehen, wodurch 
allzu idealisierende Analysen entste­
hen, die den Wirkungsgrad isoliert 
eingesetzter regionalpolitischer In­
strumente überschätzen lassen. 
Die Publikation kann sehr gut als 
angewandtes Lehrbuch für Regional­
ökonomie fungieren, da es durch Ein­
bettung regional- und industrieökono­
mischer Prozesse in eine veränderte 
europäische und internationale Ar­
beitsteilung und unter Einbezug ga­
loppierender ökologischer Krisener­
scheinungen keine lediglich abstrakte 
Ansammlung von Theoremen vermit­
telt. Die meisten regionalökonomi­
schen Theorien sind also keine bloßen 
Gedankenspiele, sondern empirisch 
sorgfältig abgeleitete Generalisierun­
gen wirtschaftlicher Entwicklungs­
verläufe. 
Da Österreich zu den europäischen 
Ländern mit entwickelter föderalisti­
scher Staatsstruktur zählt, sind viele 
in der Studie angestellte Überlegun­
gen auch auf unser Land anwendbar. 
Die neuere Tendenz sowohl innerhalb 
der EU wie auch in einzelnen wichti­
gen Mitgliedstaaten (Frankreich, Ita­
lien, Spanien, Belgien), verstärkt Fö­
deralisierungs- und Regionalisie­
rungsstrategien umzusetzen, bestätigt 
die Vorläuferrolle klassisch-föderali­
stischer Staaten (Schweiz, Bundesre­
publik Deutschland und Österreich). 
Und die vor den Nationalratswahlen 
laufende Diskussion um eine Öster­
reichische Bundesstaatsreform de­
monstriert die Aktualität dieser Aus­
einandersetzung. 
Die Publikation ist vielleicht in 
mancherlei Hinsicht kein originärer 
Entwurf - wieviele Arbeiten genügen 
schon einem solchen Anspruch -, sie 
kann aber durch ihre klar und über­
sichtlich strukturierte Zusammenfü­
gung wesentlicher theoretischer und 
empirischer Arbeiten dennoch einen 
qualitativen Beitrag für die regional­
ökonomische Theorie und Praxis lei­
sten. 
Peter Kreisky
        

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