Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1995 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 
schaftsstiftende Bedeutung des Tau­
sches und stellte in seiner Nikomachi­
schen Ethik sehr tiefschürfende Über­
legungen zur Werttheorie an, auf die 
Bürgin detailliert eingeht. Ebenso wie 
der unterschiedliche politische Status 
der Bewohner der Polis (Sklaven, 
Metöken ohne Bürgerrechte) einer 
Höherentwicklung der Wirtschaft bei 
den Griechen im Wege stand, schuf er 
auch ein unlösbares werttheoretisches 
Problem: Was als Produkt unter­
schiedlicher Arten von Arbeit als 
gleichwertig getauscht wird, "wird 
hergestellt durch Übereinkunft, indem 
die Gesellschaft selbst und von vom­
herein die Andersheit von (z. B .  G. Ch.) 
Arzt und Bauer eingerichtet und ge­
schaffen hat. Es ist demnach die Polis, 
die die Andersheit setzt und zugleich 
die Gleichheit zu schaffen versucht. 
Dies mag heißen, daß alle Gemein­
schaften und Gesellschaften je nach 
den Umständen ihrer Genesis und 
Entfaltung und je nach ihren sozio­
kulturellen Inhalten neue Kriterien 
der Austauschverhältnisse schaffen. "  
(S. 147) Für die Idee eines Marktes als 
eines abstrakten Mechanismus, der die 
Gleichwertigkeitsmaßstäbe schafft, 
fehlten in der antiken Wirtschaft die 
realen Voraussetzungen. Markt (ago­
ra) ist für die Griechen "ein konkreter 
Ort, auf dem sich leibhaftige Men­
schen begegnen, kaufen und verkau­
fen . . .  , nicht nur der Ort des Waren­
austausches, Ort wo man sich verpfle­
gen kann, sondern auch Versamm­
lungsort, Gerichtsplatz und Kult­
stätte. "  (S. 146) 
Eher nur als kurze Verbindungsglie­
der zwischen dem ersten, dem ökono­
mischen Denken der Antike, und dem 
letzten, der Entstehung der modernen 
politischen Ökonomie gewidmeten 
Teil sind die wesentlich knapper ge­
faßten Abschnitte über die mittelalter­
liche Stadtwirtschaft und die Renais­
sanceökonomie konzipiert. In der von 
Handel und Handwerk lebenden Stadt 
des Mittelalters wurde erstmals die 
antike Antibanausie überwunden und 
204 
21 . Jahrgang (1 995), Heft 1 
Arbeitsfleiß und Sparsamkeit als ge­
sellschaftlich anerkannte Tugenden 
durchgesetzt, da in der Stadt das 
Handwerk und Handel betreibende 
Bürgertum gesellschaftlich und poli­
tisch den Ton angab. In den ursprüng­
lich wirtschaftlich am weitesten fort­
geschrittenen italienischen Städten 
kam der moderne Kapitalismus aller­
dings nicht zum Durchbruch, sie ver­
fielen ab dem 16 .  Jahrhundert wieder 
der Stagnation. Bürgin führt diese 
Entwicklung auf eine "Aristokratisie­
rung des Bürgertums" (S. 212)  zurück. 
Statt in Produktionsstätten, neue 
Techniken und in neue Märkte zu in­
vestieren, legten die Unternehmer des 
italienischen Frühindustrialismus 
ihren Reichtum in ländlichem Grund­
besitz, in Gütern und Palästen an, wo­
durch die Dynamik der Stadtwirt­
schaft wieder zum Erliegen kam und 
sogar eine gewisse Reagrarisierung 
Platz griff. Kaum behandelt wird in 
diesen beiden Kapiteln das ökonomi­
sche Schrifttum der Zeit - Thomas von 
Aquin z. B. überhaupt nicht, und die 
italienischen Ökonomen des 17 . und 
18 .  Jahrhunderts, welche Schumpeter 
bereits in seiner Abhandlung "Epo­
chen der Dogmengeschichte" bemer­
kenswert hoch einschätzte (2), werden 
nur ganz kursorisch erwähnt und wohl 
unter ihrem Wert abgehandelt. 
Unterschiede im Erfolg bei der 
Handwerks- und insbesondere bei der 
Händlertätigkeit hatten mit fort­
schreitender Entwicklung der mittel­
alterlichen Stadt zunehmende Vermö­
gens- und Einkommensunterschiede 
zur Folge, so daß sich auch bei 
grundsätzlich positiver Bewertung 
von Fleiß und Erwerbsstreben wieder 
die Frage stellte, inwieweit dieses 
nicht dem Gemeinwohl schädlich sei, 
indem der Reichtum der wenigen zu 
Lasten der anderen Mitbürger gehe. 
Es ist kaum bekannt, daß das Ver­
hältnis von Eigennutz und Gemein­
wohl, das zentrale Thema der klassi­
schen politischen Ökonomie, in 
Deutschland bereits im 16 .  Jahrhun-
        

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