Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1995 Heft 1 (1)

21 .  Jahrgang (1 995), Heft 1 
dert in einigen Denkschriften an den 
Kaiser bzw. an den Reichstag disku­
tiert wurde. Bürgin zitiert ausführlich 
aus solchen Schriften des als Juristen 
bekannten Conrad Peutinger sowie 
des Ulmer Kaufmanns Leonhard 
Fronsperger, der 1564 in Frankfurt ei­
ne Schrift mit dem Titel "Von dem Lob 
des Eigen Nutzen" veröffentlichte. 
Darin findet sich der Satz: "Denn wel­
cher Kauffmann ist je uber Meer ge­
fahren I hat sein Leib und Leben ge­
wagt I daß er Specerey und andere 
Kauffmannschafft . . .  auss India her­
über brechte I gemeinem nutz zu gut I 
wenn in nicht Eigner nutz oder geitz 
dazu reitzte. "  (S. 262) 
In diesen Schriften wird - anders als 
in jenen der Merkantilisten und Ka­
meralisten - die Wirtschaftstätigkeit 
vom Bürger bzw. vom Unternehmer 
aus gesehen, was von Bürgin auf die 
spezifischen Verhältnisse Deutsch­
lands, nämlich die Schwäche seiner 
politischen Zentralgewalt, zurückge­
führt wird. Es zeigt sich, "daß Schrif­
ten, welche im nicht-deutschen Raum 
in irgendeiner Weise städtisches oder 
bürgerliches Bewußtsein artikulieren, 
auch staatliches Bewußtsein mitden­
ken und mitfühlen" ,  und andererseits, 
"daß der deutsche Raum für eine ge­
wisse Zeit - an der Schwelle vom Mit­
telalter zur Neuzeit - von der Vorstel­
lung vom Gemeinnutz zum Eigennutz 
deutlicher markiert wurde, daß diese 
Bürgerlichkeit, bevor sie in andere 
Bahnen geriet, sich autonomer verneh­
men lassen konnte als in anderen Län­
dern." (S. 266) 
Mit dem Verlust der wirtschaftli­
chen Vorrangstellung der oberdeut­
schen Städte erlitt auch das ökonomi­
sche Denken in Deutschland einen 
entscheidenden Rückschlag. Es ent­
spricht der Logik der Korrespondenz 
von ökonomischem Denken und wirt­
schaftlicher Entwicklung, wenn die 
merkantilistische Denkrichtung, in 
welcher der Staat (bzw. die Nation) 
implizit oder explizit das Subjekt des 
Handeins ist, in Frankreich, dem er-
Wirtschaft und Gesellschaft 
sten Nationalstaat des Kontinents, be­
heimatet ist. Quesnays Kreislauftheo­
rie mit ihrer eigentümlichen Vorstel­
lung von dem, was produktive Arbeit 
darstellt, ist für Bürgin ein Reflex der 
aristokratischen Gesellschaftsstruktur 
des alten Frankreich. In England hin­
gegen, wo die Zentralgewalt ebenfalls 
stark war, strebten schon früh die bür­
gerlichen Schichten mit Erfolg da­
nach, an der Kontrolle dieser Macht 
teilzuhaben. Nicht ohne staatliche 
Hilfestellung, aber viel stärker als in 
Frankreich von spontanen Kräften ge­
tragen, entwickelte sich in England 
ein expansiver gewerblich-industriel­
ler Sektor. Die ökonomischen Schrif­
ten aus dem Kreis der frühen Industri­
ellen und Handelsleute enthalten be­
reits die Gedanken über Eigennutz 
und Gemeinwohl, Marktmechanismus 
etc. ,  aus denen Adam Smith das erste 
umfassende System einer politischen 
Ökonomie aufbaute. 
Immer wieder argumentiert Bürgin 
gegen eine Dogmengeschichte, welche 
die gesamte Entwicklung des natio­
nalökonomischen Denkens unter dem 
Gesichtspunkt eines Fortschreitens 
zur neoklassischen Ökonomie als der 
Ultima ratio der Nationalökonomie 
betrachtet. "Ein theoretisches Denken 
wie das neoklassische, das ein Smith­
sches Erbe zu vertreten meint, geht 
schon deshalb fehl, weil es in einem 
stationär konzipierten Modell ein ge­
schichtliches Ergebnis, nämlich den 
Prozeß der gesellschaftlichen Rationa­
lisierung, in der Theorie wohl auf­
nimmt, den Prozeß selbst jedoch aus­
klammert, Geschichte negiert und ge­
sellschaftlichen und sozialen Wandel 
ausschließt. " (S. 390) Es wird nirgends 
präzisiert, was mit dem kritisierten 
Paradigma "Neoklassik" eigentlich 
gemeint ist, jedoch geht aus einer an­
deren Stelle, in der M. Blaug mit Jo­
seph Schumpeter in einen Topf gewor­
fen wird, hervor, daß eigentlich viel 
allgemeiner die isolierende Betrach­
tung der Entwicklung des abstrakten 
Analyseinstrumentariums ins Visier 
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