Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1995 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft - die Mao-Bibel und die Phrasen der ,Besatzer' von ,drüben', der DDR, an­ gereichert mit unbürgerlichem Habitus und amerikanischer ,Negermusik' . " (S. 87 ) Leider blieb es nicht immer so harmlos: "Die aus dem beliebten Che­ Guevara-Poster abgeleitete Verwechs­ lung von Urwald und Bundesrepublik verlängerte präpubertäres Räuber­ und-Gendarm-Spiel in eine blutige Tragödie. " (S. 89) Aber hinter den po­ litischen Unsinnigkeiten verbargen sich Modernisierungs- , Individualisie­ rungs- und Informalisierungsschübe: die voranschreitende Freisetzung aus familiären Bindungen und sozialen Mi­ lieus, aus religiösen und arbeitsethi­ schen Verpflichtungen, aus festgefüg­ ten Mustern des Geschlechterverhält­ nisses, die Absetzung von der Elternge­ neration und dem Nachkriegsamerika­ nismus. "Wer heute die Exzesse des an­ tiautoritären Gestus beklagt, sollte die Anmerkung nicht vergessen, daß die Abkehr vom alten autoritären Erzie­ hungsstil der Eltern auch der wüten­ den Erkenntnis geschuldet war, daß Disziplin und Gratifikationsaufschub, die ganzen Selbstverkrüppelungen und -beschränkungen, die alten verstaub­ ten Sekundärtugenden, sich einfach nicht mehr lohnten. " (S. 101) Ange­ sichts von Massenuniversitäten und Entprivilegierungen galt es, "der Aus­ sicht, sich als arbeitsloser Akademiker durchs Leben schlagen zu müssen, die höheren Weihen einer radikal antibür­ gerlichen eigenen Entscheidung zu verleihen" (S. 100). 7 . Wie läßt sich - zusammenfassend ­ die Bundesrepublik beschreiben? Es ist ein Land (und man kann dabei durchaus auch an Österreich denken), das es sich "im Schutz des Eisernen Vorhangs zwischen Betroffenhei tskul t und Lebenswelt bequem gemacht hat­ te, deren Bürger, sympathisch und weltfremd, beträchtlichen Wohlstand mit hoher Moral zu verbinden gelernt hatten und deren Politiker sich am liebsten zwischen Provinz und Europa aufhielten - also im Niemandsland" 218 21 . Jahrgang (1 995), Heft 1 (S. 15) ; es ist "ein Puppenhaus im Wohlstandstango, bevölkert von Märchenprinzen, Quotenfrauen und Peaceniks" (S. 23), mit einer pragmati­ schen Regierung im "vorauseilenden Populismus" (S. 25); in den Achtzigern war es, nach dem Abstreifen jeder Untertanenmentalität und jedes obrigkeitsstaatliehen Denkens, fast ein "Habermassches Diskursparadies" (S. 27), zugleich aber ein Land von "abgrundtiefer Rüpelhaftigkeit" und "misanthroper Grundstimmung" (S. 63 f.) . Und weiters, was auf Öster­ reich wohl weit weniger zutrifft, fin­ den wir in Deutschland eine Gesell­ schaft, die in ihrer protestantischen Innerlichkeit glaubt, auf einem "em­ phatischen Gemeinschaftsbegriff" bauen zu müssen (S. 69) ; das Land der vollentwickelten Neuen Bescheiden­ heit (S. 80) und der aus schuldbela­ dener Erinnerung gespeisten "Wach­ samkeit und Widerstandsbereitschaft rund um die Uhr" (S. 102); das "post­ nationalistische Dorfgemeinschafts­ haus" (S. 123) ; ein Land, in dem sich alle zu Opfern stilisieren (S. 1 15). 8. Cora Stephan hat Richard Sennets "Tyrannei der Intimität" , Gerhard Schulzes "Erlebnisgesellschaft" , Nor­ bert Elias' "Studien über die Deut­ schen" , Helmuth Plessners "Grenzen der Gemeinschaft" und dergleichen einschlägige Lektüre mit Gewinn hin­ ter sich gebracht. Was sie bietet, ist ein Essay, keine Analyse; eher Zeitge­ schichtsschreibung als Sozialwissen­ schaft; eher Streitschrift als nüchterne Darstellung. Man wünscht sich öfters eine derartige journalistische Aneig­ nung soziologischer Befunde. Denn insgesamt trägt die Autorin in einer Situation, die durch die Intimisierung der Politik, durch Gefühligkeit statt Argumentation, durch emotionale An­ sprechbarkeit statt argumentativer Überzeugung gekennzeichnet ist, ein "unzeitgemäßes Plädoyer für die Wie­ dergewinnung der Dimension des Po­ litischen" vor. Manfred Prisehing

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