Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 1996 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 
DIE VORAUSSETZUNGEN WIRT­
SCHAFTLICHEN WACHSTUMS 
Rezension von: Wolfram Fischer 
(Hrsg.) ,  Lebensstandard und 
Wirtschaftssysteme, Fritz Knapp 
Verlag, Frankfurt am Main 1995,  
707 Seiten. 
Der Sammelband Fischers trägt den 
Titel "Lebensstandard und Wirt­
schaftssysteme" .  Doch greift dieser zu 
kurz. Die Arbeit beschäftigt sich nicht 
nur mit diesem Thema, sondern geht 
weiter. Viele Beiträge behandeln die 
Voraussetzungen des Wirtschafts­
wachstums unter bestimmten histori­
schen oder geographischen Gegeben­
heiten. Damit leistet das Buch einen 
interessanten Beitrag zu der in jünge­
rer Zeit wieder in Gang gekommenen 
Diskussion über die industrielle Ent­
wicklung. 
Zunächst vergleicht Gutmann 
Marktwirtschaft und das östliche Pla­
nungssystem ("Marktwirtschaftliche 
und zentralgeleitete Wirtschaftsord­
nungen: Ein System- und Effizienz­
vergleich") ,  wobei er die Informa­
tionsproblematik in den Vordergrund 
stellt. (Bemerkenswerterweise enthält 
der Aufsatz kein einziges Zitat eines 
angelsächsischen Autors - wenn man 
nicht Hayek als solchen bezeichnen 
will.) 
Von der Lippe setzt sich in einem lu­
ziden Beitrag mit der Problematik von 
Einkommensvergleichen auseinander 
("Die Messung des Lebensstandards") ,  
wobei er das System der Volkseinkom­
mensrechnung, der Indexmethode so­
wie die diversen Indikatorenansätze 
einander gegenüberstellt. In diesem 
Zusammenhang geht er auch auf die 
illusionären Versuche ein, das "Ökoso­
zialprodukt" zu berechnen oder "Ne­
gativrechnungen" anzustellen. Be-
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22. Jahrgang (1996), Heft 3 
schlossen wird der Aufsatz mit den 
Schwierigkeiten der Armutsmessung. 
Maddison präsentiert eine Zusam­
menfassung seiner Forschungen der 
letzten Jahre ("Wirtschaftswachstum 
und Lebensstandard im 20.  Jahrhun­
dert") ,  indem er Wachstumsraten für 
charakteristische Ländergruppen der 
Welt berechnet und für die dramati­
schen Wachstums- und Einkommens­
unterschiede eine umfassende Begrün­
dung liefert: Ausgehend von seiner 
Unterscheidung in "proximate " und 
"ultimate causes ", beschreibt er jene 
institutionellen Voraussetzungen des 
Wachstums, die weit in die - europäi­
sche - Geschichte zurückreichen und 
welche erst jüngst die neue Institutio­
nenökonomie theoretisch aufzuarbei­
ten versucht. Abschließend behandelt 
Maddison die für den Lebensstandard 
relevanten Veränderungen der Ausga­
benstruktur der Wirtschaftssubjekte 
und des Staates sowie einiger informa­
tiver Indikatoren für erstere über die 
Zeit. 
Landes ("Wohlstand und Armut")  
trägt einige Aspekte dazu bei, warum 
die Industrialisierung durch Innovati­
on in Indien und China nicht oder erst 
in jüngster Zeit zustande gekommen 
ist. 
Siegenthaler wendet in seinem Bei­
trag (Wege zum Wohlstand: Das Bei­
spiel der USA, der Schweiz und Brasi­
liens) seine kürzlich umfassend ent­
wickelten Hypothesen ("Regelvertrau­
en, Prosperität und Krisen: Unregel­
mäßigkeiten wirtschaftlicher und so­
zialer Entwicklung als Ergebnis indi­
viduellen Handeins und Lernens" ,  Tü­
bingen 1993) über die Bedeutung der 
Kommunikationsstruktur für ökono­
mische und soziale Veränderungen, 
insbesondere für die Bewältigung von 
Krisen, auf konkret solche an; so auf 
die USA Ende des 19 .  Jahrhunderts, 
die Schweiz zwischen Weltwirt­
schaftskrise und 2. Weltkrieg sowie 
Brasilien während der Militärdiktatur 
zwischen den sechziger und den acht­
ziger Jahren des 20.  Jahrhunderts. Der
        

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