Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1996 Heft 3 (3)

22. Jahrgang (1996), Heft 3 
FAMILIENPOLITIK -
VIELFALT OHNE FOKUS 
Rezension von: Christoph Badelt 
(Hrsg.), Familien zwischen 
Gerechtigkeitsidealen und Benach­
teiligung, Böhlau Verlag, Wien 1994, 
197 Seiten, öS 380,-. 
Das vorliegende Buch gibt zum 
Großteil die Vorträge und Diskussio­
nen der Jahrestagung der Österreichi­
schen Gesellschaft für Interdisziplinä­
re Familienforschung (ÖGIF) wider. 
Der Titel wurde von Vertreterinnen 
der verschiedensten Disziplinen inter­
pretiert. So finden sich als wissen­
schaftliche Fachrichtungen Psycholo­
gie, Soziologie, Rechtswissenschaft, 
Ökonomie und Politikwissenschaft in 
dem Buch vereint. Auch die Themen­
stellungen sind recht unterschiedlich: 
es geht um Jugend, um Frauen, um 
Ausländerinnen, um Alleinerzieherin­
nen usw. 
Im ersten Artikel stellt Anton Pelin­
ka unter dem Titel "Gesellschaftspoli­
tische Vorstellungen von Gerechtig­
keit und ihre Relevanz für Familien­
konzepte" seine Überlegungen zu Fa­
milie und Familienpolitik dar. Ob­
gleich Familien sich im Lauf der Zeit 
verändert haben und speziell ihre 
wirtschaftliche Bedeutung als Versor­
gungssystem stark verringert wurde, 
besitzen sie nach wie vor eine starke 
Sozialisierungsfunktion. Selbst auto­
ritäre Systeme haben es nicht ge­
schafft, die Familie als Ort, an dem 
Bewußtsein und Verhalten geprägt 
werden, völlig abzulösen. Pelinka 
kommt damit zu dem Schluß, daß Fa­
milien sich aufgrund ihres privaten 
Charakters zwar weitgehend dem po­
litischen Zugriff entziehen, daß aber 
gerade wegen ihrer Sozialisierungs­
funktion gesellschaftlich strukturelle 
Wirtschaft und Gesellschaft 
Änderungen nur über Eingriffe in die 
Autonomie der Familie erzielt werden 
können. 
Klaus Wahl stellt in seinem Beitrag 
verschiedene Leit- (bzw. Leid-)bilder 
von Familien dar. So sehr sich die 
Strukturen ändern und sich dement­
sprechend die Familienformen plura­
lisieren, so sehr glaubt eine große 
Mehrheit der Bevölkerung nach wie 
vor an ein idealisiertes Bild der Fami­
lie aus Eltern und zwei Kindern. Hier 
muß es zu Konflikten kommen (daher 
auch die Leidbilder) . Das moderne Fa­
milienbild und das moderne Men­
schenbild (die Idee der Individualität) 
können einander nur teilweise ergän­
zen, vielfach müssen sie gegeneinan­
der stehen. Auch das Leben in der Fa­
milie wird vielfach idealisiert. Ar­
chetypische Bilder wie der gemeinsa­
me Abendtisch, das gemeinsame 
Weihnachtsfest können in der Realität 
selten bis gar nicht erreicht werden. 
Vielmehr ist die Familie heute "so et­
was wie die ,Knautschzone' der mo­
dernen Gesellschaft geworden. Wo 
diese Knautschzone versagt, schlägt 
sich dies leicht in Erscheinungsformen 
wie Krankheiten, Depressionen oder 
Gewalttätigkeiten in Familien nie­
der." (S. 2 1) 
Die Menschen kommen in eine Mo­
dernisierungsfalle "zwischen den my­
thologischen Verheißungen des mo­
dernen Familienbildes, des modernen 
Menschenbildes und des modernen 
Gesellschaftsbildes auf der einen Seite 
und ihrer tatsächlichen gesellschaftli­
chen Erfahrung (speziell auch in Fa­
milien) auf der anderen Seite." (S. 22) 
Es zeigt sich, "daß das Problem vieler 
heutiger Familien nicht darin besteht, 
daß diese selbst angeblich "moderni­
stische" Leitbilder entwickelten und 
statt dessen andere verschrieben be­
kommen müßten, [ . . .  ] sondern daß im 
Gegenteil die meisten Menschen im­
mer noch relativ idealisierte Bilder 
vom Familienleben (auch in seinen 
heutigen pluralistischen Formen) ent­
wickeln, jedoch in der Alltagserfah-
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