Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1997 Heft 3 (3)

23 .  Jahrgang ( 1 997),  Heft 3 
Vom Nutzen der 
Wirtschaftsgeschichte 
Rezension von: Gerold Ambrosius, 
Dietmar Petzina, Werner Plumpe, 
Moderne Wirtschaftsgeschichte. Eine 
Einführung für Historiker und 
Ökonomen, Oldenbourg, München 1996, 
470 Seiten; Gerold Ambrosius, 
Wirtschaftsraum Europa. Vom Ende der 
Nationalökonomien, Reihe: Europäische 
Geschichte, Fischer Taschenbuch Verlag, 
Frankfurt am Main 1996, 222 Seiten. 
Eine der interessantesten Publikatio­
nen der jüngeren Zeit präsentieren Am­
brosius, Petzina und Plumpe. Das In­
teresse verdient s ie aus vielen Grün­
den. Zunächst sind Einführungen in die 
moderne Wirtschaftsgeschichte im 
deutschsprachigen Raum praktisch 
nicht greifbar. Weiters liegt der Akzent 
hier auf "modern", denn die Mitarbeiter 
dieses Bandes repräsentieren durch­
wegs renommierte Vertreter ihres Fa­
ches. Doch geht die Bedeutung des Bu­
ches über eine Einführung in ein Fach­
gebiet deshalb hinaus, weil es in meh­
reren Bereichen in die aktuelle Diskus­
sion eingreift. 
Da ist einmal , wie die Herausgeber 
betonen, die wachsende Skepsis ge­
genüber der mathematisierten Natio­
nalökonomie, die Einsicht, daß zeit­
raumlose Hypothesen wohl im histori­
schen Ablauf zu prüfen wären. Da ist 
andererseits die dynamische Entwick­
lung von Sozial- und Wirtschaftsge­
schichte in den historischen Wissen­
schaften ,  welche ohne ökonomische 
Theorie nicht sinnvoll betrieben werden 
kann. Überdies vermag eine aktuali­
tätsbezogene wirtschaftshistorische 
Forschung manches zur Bewältigung 
Wirtschaft und Gesellschaft 
gegenwärtiger ökonomischer Probleme 
zu leisten. 
Die einzelnen Beiträge sind nach 
dem gleichen Schema aufgebaut. Der 
Einführung in das Sachgebiet und sei­
ner bisherigen historiographischen Be­
handlung folgt der geschichtliche Ab­
lauf und schließlich die Diskussion, wel­
che theoretischen Ansätze die Natio­
nalökonomie zur Erklärung dafür zur 
Verfügung stellt. 
Eingangs befaßt sich R. Tilly ("Wirt­
schaftsgeschichte als Disziplin") mit der 
Entstehung und dem gegenwärtigen 
Stand des Faches. Differenziert geht er 
auf die eher historiographisch determi­
nierte Forschung und die Ökonometrie 
ein,  berührt auch die neuaste Entwick­
lung, welche durch die Neue Institutio­
nenökonomie charakterisiert ist (1 ). 
ln der Folge widmen sich T. Pieren­
kernper und W. Plumpe den mikroöko­
nomischen Aspekten des Faches, den 
Haushalten sowie den Unternehmun­
gen . Ersterer beklagt das Fehlen einer 
umfassenden Theorie des Haushalts­
handelns; er betrachtet den neoklassi­
schen Ansatz Beckers als unzurei­
chend und fordert einen pragmatischen 
und damit auch historischen Ansatz, 
um sich diesem Ziel zu nähern. 
Zu ähnl ichen Ergebnissen gelangt 
Plumpe in seiner Untersuchung der Un­
ternehmen, schildert jedoch umfassend 
die existierenden Ansätze und warnt 
davor, durch unreflektierte Nutzung der 
Quellen die "Wahrheit" über die Unter­
nehmensentwicklung zu erfahren. Je­
denfalls sei die theoriegeleitete Analy­
se, etwa auf Basis der Betriebswirt­
schaftslehre, notwendig, um zu einem 
aussagekräftigen Resultat zu gelangen. 
Der umfassende makroökonomische 
Teil wird mit der demographischen Pro­
blematik eingeleitet. J. Komlos und S. 
Schmidke ("Bevölkerung und Wirt­
schaft") präsentieren die verschiede­
nen Hypothesen über den Zusammen­
hang zwischen Demographie und Öko­
nomie sowie die Entwicklung von der 
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