Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1997 Heft 3 (3)

23.  Jahrgang ( 1 997) ,  Heft 3 
Österreichs Politik und 
Wirtschaft im 'langen 19. 
Jahrhundert' (1790-1914) 
Rezension von: Helmut Rumpler, 
Österreichische Geschichte 1 804-19 14. 
Eine Chance für Mitteleuropa. 
Bürgerliche Emanzipation und 
Staatsverfall der Habsburgermonarchie, 
Verlag Carl Ueberreuter, Wien 1997, 672 
Seiten, öS 740,-. 
ln der von Herwig Wolfram heraus­
gegebenen "Österreichischen Ge­
schichte in 1 0 Bänden" des Verlags 
Carl Ueberreuter erschien nach Ernst 
Hanischs "Der lange Schatten des 
Staates" und Roman Sandgrubars 
"Ökonomie und Politik" nun der dritte 
jener Bände, die sich mit der neueren 
Geschichte Österreichs beschäftigen. 
Die Jahresangaben im Titel des Bu­
ches täuschen freil ich: Es entsteht der 
Eindruck, die Darstellung setze mit 
dem Beginn des 'Kaisertums Öster­
reich' e in ;  d ies ist aber nicht der Fal l .  
Der gesamte erste Abschn itt des Ban­
des und Teile des zweiten sind der Pe­
riode von 1 790 bis 1 81 5  gewidmet, ins­
besondere natürlich den außenpoliti­
schen und mil itärischen Entwicklungen 
im Gefolge der Französischen Revolu­
tion, aber auch der nachjosephinischen 
Staatskrise im Inneren und den Re­
formansätzen zu Beginn des 1 9. Jahr­
hunderts. 
Die Darstellung schließt nicht mit 
dem Ende der Monarchie im Herbst 
1 91 8, sondern bereits im Sommer 
1 914 .  Dies bedeutet allerdings, daß das 
zehnbändige Großprojekt keine umfas­
sende Darstellung der Geschichte 
Österreichs im Ersten Weltkrieg ent­
hält! (Dem ob d ieser gravierenden und 
Wirtschaft und Gesellschaft 
unverständl ichen Auslassung verwun­
derten Leser möge der Hinweis auf M .  
Rauchensteinars exzellente Monogra­
phie 'Der Tod des Doppeladlers' d ien­
lich sein. Eine Rezension derselben er­
schien in WuG 20/2 (1 994) 322-325. )  
Im 'Die Ära Metternich' betitelten Ab­
schnitt ist für den vor allem wirtschafts­
historisch orientierten Leser insbeson­
dere das vierte Kapitel ' Industrielle Re­
volution und bürgerliche Gesellschaft' 
von Interesse. Zur nach wie vor umstrit­
tenen Frage, wann in der Habsburger­
monarchie der Übergang zu einem ste­
tigen und selbsttragenden Wirtschafts­
wachstum stattgefunden habe, hält 
Rumpier fest: "Neuerdings hat sich die 
These durchgesetzt, daß der wirtschaft­
liche Umbruch in den ersten Jahrzehn­
ten des 1 9 . Jahrhunderts anzusetzen 
sei . "  (S.21 5) 
Die bahnbrechenden quantitativen 
Studien über das Wirtschaftswachstum 
in der Monarchie im vorigen Jahrhun­
dert stammen von den US-amerikani­
schen Wirtschaftshistorikern D. Good 
und J. Komlos. Seide vertreten die An­
sicht, daß die Industrielle Revolution in 
Österreich in der zweiten Hälfte des 1 8. 
Jahrhunderts einsetzte. Komlos (1 ) 
stellt dabei das Bevölkerungswachstum 
als den entscheidenden auslösenden 
Faktor heraus. Die politische Antwort 
auf den wachsenden Bevölkerungs­
druck habe in den bekannten institutio­
nellen Reformen Maria Theresias und 
Josephs I I .  bestanden, welche H inder­
nisse für das Wachstum der Sachgüter­
produktion beseitigten.  Die mit den zu­
sätzlichen Exporterlösen finanzierten 
Importe von Nahrungsmitteln hätten 
den Ausweg aus der Malthusianischen 
Falle gewiesen. 
Der kriegsbedingte Staatsbankrott 
des Jahres 1 8 1 1  und die schwere Nach­
kriegsrezession 1 8 1 5- 1 7  unterbrachen 
die wirtschaftl iche Expansion jeweils 
nur kurzfristig. Die Reformen in den 
beiden ersten Jahrzehnten des 1 9. 
Jahrhunderts (ABGB, Schulreform, ' ln-
421
        

Note to user

Dear user,

In response to current developments in the web technology used by the Goobi viewer, the software no longer supports your browser.

Please use one of the following browsers to display this page correctly.

Thank you.