Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1997 Heft 3 (3)

23.  Jahrgang ( 1 997), Heft 3 
Unersetzliche Verluste 
Rezension von: Harald Hagemann 
(Hrsg.), Zur deutschsprachigen 
wirtschaftswissenschaftlichen Emigration 
nach 1933, Metropolis Verlag, Marburg 
1997, 608 Seiten, öS 650,-. 
Mit der Vertreibung von Wissen­
schaftlern aus Deutschland und ab 
1 938 aus Österreich sowie weiteren eu­
ropäischen Ländern wurden auch in 
den Wirtschaftswissenschaften viel­
fach erfolgversprechende, aber nun­
mehr "unerwünschte" Entwicklungen 
abgebrochen. Durch die Vertreibung 
fiel die deutsche Wissenschaft in vielen 
Bereichen (z.B.  in der Kernphysik) hin­
ter den internationalen Wissenschafts­
standard zurück. Die Frage nach den 
Verlusten für die deutsche Wirtschafts­
wissenschaft durch die Emigration 
ebenso wie die Frage, ob und wieweit 
1 933 tatsächl ich eine Zäsur darstellt, 
werden in dieser Publikation diskutiert. 
Andererseits haben die vertriebenen 
Ökonomen vielfach nicht nur die Ent­
wicklung ihrer Teilgebiete in den Auf­
nahmaländern (wie USA, Großbritanni­
en, Israel ,  Türkei) befruchtet, sondern 
auch den internationalen Forschungs­
standard maßgeblich mitgeprägt, was 
im deutschsprachigen Raum bis heute 
zum Teil nur begrenzt wahrgenommen 
worden ist. 
Fragen der Akkulturation , Innovation 
und Integration in den ausländischen 
Wissenschaftsbetrieb stehen im Mittel­
punkt. Was bedeuten die Erfahrungen 
der Emigration für die Ökonomen? 
Fanden emigrationsbedingte Wechsel 
der Forschungsschwerpunkte statt? 
Kam es zur Entwicklung neuer Ansätze 
und Methoden in der Emigration? ln­
wiefern haben Emigranten durch das 
Verschmelzen versch iedener Wissen-
Wirtschaft und Gesellschaft 
Schaftstraditionen die internationale 
Entwicklung ihres Fachgebietes (z.B.  in  
der  Finanzwissenschaft, mathemati­
schen Wirtschaftstheorie und in der 
Entwicklungsökonomie) befruchtet? 
Des weiteren werden auch die Aus­
wirkungen der Emigration auf die Ent­
wicklung der Wirtschaftswissenschaft 
zur Zeit des "Dritten Reiches" und nach 
1 945 untersucht. Wie viele und welche 
Ökonomen sind nach Kriegsende nach 
Deutschland und Österreich zurückge­
kehrt? Welche Rolle spielten emigrier­
te Wirtschaftswissenschaftler beim 
Neuaufbau? Wie war die Aufnahmebe­
reitschaft der Universitäten, und welche 
"Rücktransfers" von Wissenschaftsin­
halten haben stattgefunden? 
Die Komplexität dieser Fragestellun­
gen, so Hagemann, erfordert eine Viel­
falt von Herangehensweisen und Me­
thoden. Orientierungsmarke dabei ist 
eine Analyse der Entwicklung einzelner 
Tei ldisziplinen. Zunächst kommt jedoch 
eine problemsensitive innovative For­
schung von Außenseitern. Mit welchen 
Themen erschienen die Emigranten in  
der Fachzeitschriften (oder auf dem 
Buchmarkt)? Wie passen sie in den 
Diskussionszusammenhang dieser 
Zeitschriften ,  und welche Wandlungen 
sind gegenüber ihren Arbeiten vor der 
Vertreibung zu erkennen? 
Das Jahr 1 933 stellte auch eine be­
deutende Wasserscheide für die 
deutschsprachigen wirtschaftswissen­
schaftlichen Zeitschriften dar, die lang­
fristig einen erheblichen Bedeutungs­
verlust erl itten. Sie verloren mit den 
emigrierten Ökonomen nicht nur einen 
Großteil ihrer Autoren,  sondern viele 
bedeutende internationale Ökonomen 
härten nun auf, in der deutschen Spra­
che bzw. in deutschen Zeitschriften zu 
publ izieren (1  ) . 
Mit der bemerkenswerten Ausnahme 
von Spiethoff, der Herausgeber von 
Schmollers Jahrbuch blieb, wechselten 
die meisten deutschen Journale zu Be­
ginn der Nazizeit ihren Herausgeber, 
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