Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1997 Heft 3 (3)

Wirtschaft und Gesellschaft 
der materiellen und sozialen Lebensbe­
dingungen beizutragen. 
Bacon entwarf in "Neu Atlantis" eine 
Gesellschaftsordnung, die auf Begrif­
fen und Konzepten aufbaut, in  denen 
wir immer noch denken. Die Bewunde­
rung in "Bensalem", der Hauptstadt von 
Neu Atlantis, gilt den Wissenschaftern 
als Forschern, Entdeckern und Kon­
strukteuren einer Weit, "die die wahre 
Natur der Dinge suchen". Damit soll die 
Weit neu geschaffen werden. Das setzt 
voraus, daß die unmittelbar sinnl ichen 
Erfahrungen (die Idole) - das Konkrete 
- "zum Opfer gebracht werden", denn 
sie behindern den Menschen bei seiner 
Suche nach der "reinen und abstrakten 
Erkenntnis" (S. 68). Um d iese zu erlan­
gen , müssen alle Verführungen des 
Verstandes durch die Sinne elimin iert 
werden . Es geht um die Entwicklung 
und Etablierung des neuen Denkens, 
das sich an abstrakten Prinzipien orien­
tiert und das durch mathematische Ex­
aktheit, logische Strenge, theoretische 
Gewißheit und "moralische Reinheit" 
gekennzeichnet ist (S. 68). Dazu 
braucht es die systematische Erkennt­
nis und eine Methode, wie man denken 
muß, um erfinden und entdecken zu 
können, um den "Beginn einer neuen 
Gewißheit zu begründen". Diese Ge­
wißheit, die Existenz, Erkennbarkeil 
und Bedeutung von Wahrheit "soll 
durch die systematische und d iszipli­
nierte Anwendung der empirischen Me­
thode" erlangt werden (S. 83 f. ) .  
Eine Erkenntnis ist dann wahr, wenn 
sie zu Resultaten führt, die angewandt 
werden können , letztendlich, wenn sie 
in Technik materialisierbar wird und der 
materiellen Produktion von Gütern 
dient. "Der Wahrheitsbeweis besteht ab 
nun darin ,  daß die Technik, der Fort­
schritt, die Maschinen funktionieren" 
(S. 95). Voraussetzung dazu ist die Eta­
blierung des Experiments, dessen 
Wirklichkeit man selbst produziert wie 
z .B .  das Vakuum. 
Erkenntnis ist experimentell und an 
438 
23. Jahrgang ( 1 997),  Heft 3 
der Herstellung interessiert, daher wird 
auch das Verhältnis zur Natur neu defi­
niert: Von Anfang an waren Eingriffe 
und ihre "radikale Umgestaltung" beab­
sichtigt. 
Dieser Entwurf des Denkens, der 
sich im 1 7. Jahrhundert konstituierte, 
kann dadurch charakterisiert werden, 
daß er die instrumentelle menschliche 
Rational ität in den Mittelpunkt rückt und 
auf die Realität zugreift. Dies ermög­
lichte die Entgrenzung d ieser Methode 
als Anwendung auf alle Wirklichkeits­
bereiche und löste damit die neuzeitli­
che Dynamik aus. Es hat damit einen 
Herstellungsprozeß an Wissen und Gü­
tern in  Gang gesetzt, der heute an ei­
nem Endpunkt sein könnte, da eine 
Modellweit hergestellt ist, "die von der 
Naturwirklichkeit des Menschen und 
der Umwelt weitgehend abgelöst ist" (S. 
98). 
Ist daher auch diese neue Denkme­
thode alt geworden? Wenn ja, welche 
Denkmethode braucht es zur Lösung 
von Problemen, die als Kuppelproduk­
te der Baconsehen Erkenntnismethode 
produziert wurden? Aktuelle (ökonomi­
sche) Theoriebildung "müßte" eine 
Methode entwickeln, die auch die Sinne 
(Idole) miteinschließt und der Plural ität 
der verschiedenen Wirklichkeiten ge­
recht wird .  Eine "große Erneuerung" 
müßte wie im 1 7. Jahrhundert auch 
heute eine Reorganisation der Wissen­
schaft umfassen .  Denn ein neues 
Denken setzt auch "neue Formen 
von Wissenschaftskooperation" voraus 
(S. 1 0 1 ). 
Ökonomie und Innovation 
Mit der dritten "Tiefenbohrung" bleibt 
die Autorin im 20. Jahrhundert. Es ist 
eine Rekonstruktion von Joseph Alois 
Schumpeters Versuch, das Neue zu 
denken. Denn mit seiner "Theorie der 
wirtschaftlichen Entwicklung" ( 19 12  
und 1 926) tritt das Neue "in den Mittel­
punkt des Ökonomischen Denkens" (S.
        

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