Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1997 Heft 4 (4)

23 .  Jahrgang ( 1 99 7 ) ,  Heft 4 Wirts c haft und Gesellsch aft 
. .  
BUCHER 
Armut in Österreich 
Rezension von: Christine Stelzer­
Orthofer, Armut und Zeit. Eine 
sozialwissenschaftliche Analyse der Zeit, 
Leske + Budrich, Opladen 1997, 
264 Seiten, öS 4 10,-. 
ln  Österreich sind Informationen über 
Armut sehr gering. Nur wenige Perso­
nen beschäftigen sich wissenschaftlich 
mit ihr. Die Institutionen der Sozialpoli­
tik sind in Österreich daran wenig inter­
essiert, da diese von den Verbänden 
der Erwerbstätigen dominiert werden, 
während der größte Teil der Armen nur 
wenig erwerbstätig ist, und dies oft in  
ungeregelten Verhältnissen.  Armut 
selbst ist vor allem für die nach Ländern 
unterschiedl iche Sozialhi lfe der An­
knüpfungspunkt der Tätigkeit. I nsbe­
sondere fehlt ein dem sozio-ökonomi­
schen Panel der BRD vergleichbarer 
Datensatz, der es erlaubte, arme Haus­
halte über einen längeren Zeitraum hin 
zu untersuchen. 
Für die sozialpolitische Diskussion ist 
aber der Verlauf von Armut von großer 
Bedeutung. Während die einen fürch­
ten ,  daß das soziale Netz zur Armuts­
bekämpfung - in Österreich also vor al­
lem die Sozialhi lfe - dazu verleitet, in 
der Abhängigkeit d ieser Sozialpro­
gramme zu verharren,  betrachten an­
dere die zu einem Zeitpunkt als arm 
Registrierten als Beweis für das voll­
kommene Versagen des Sozialstaates. 
Daß keine der beiden Aussagen stim­
men kann ,  zeigte die Untersuchung 
von Lutz, Wolf und Wagner. Nach die-
ser Studie sind Haushalte mit sehr nied­
rigem Einkommen nicht deckungs­
gleich mit den Haushalten mit sehr 
schlechter Ausstattung. Es gibt offen­
sichtlich Haushalte, die zu einem Erhe­
bungszeitpunkt ein Einkommen haben, 
das sie den armen Haushalten zuord­
net. Wenn man die Ausstattung dieser 
Haushalte als Kriterium verwendet, 
dann gehören sie n icht zu den armen 
Haushalten.  Das gleiche gilt auch um­
gekehrt. Offensichtlich sind Einkom­
men unter bzw. über einer Armutsgren­
ze temporäre Erscheinungen . Auslän­
dische Untersuchungen haben ähnliche 
Resultate: Armut ist in vielen Fällen ein 
temporäres Phänomen. 
Die Arbeit von Christine Stelzer-Ort­
hofer, eine Dissertation an der Universi­
tät Linz, ist wohl die erste Arbeit, die 
dieser Frage für Österreich nachgeht. 
Allerd ings ist ihre Frage etwas einge­
schränkter, wie sie selbst in Kapitel 2 
darlegt. Sie untersucht den Werdegang 
von Empfängern von Sozialhi lfe in 
Oberösterreich über zehn Jahre an­
hand einer Stichprobe. Diese sind inso­
ferne n icht identisch mit armen Perso­
nen, als die Kriterien der Sozialh ilfe 
nicht identisch sind mit Kriterien der Ar­
mut gemäß sozialwissenschaftl icher 
Konzepte. Da, wie die Autorin ausführ­
lich darlegt, d ie Gesetzgebung und Ver­
waltung der Sozialhi lfe sehr restriktiv 
bei der Gewährung sind - wohl eine Fol­
ge der obengenannten Furcht, daß ein 
zu leichter Bezug von Sozialhilfe die 
Abhängigkeit von ihr erhöht -, kann an­
genommen werden, daß die Sozialhil­
feempfänger eine echte Untermenge 
der Personen bilden, die als arm zu be­
zeichnen sind. 
Ausführlich werden im zweiten Kapi­
tel Armutskonzepte diskutiert und dabei 
absolute und relative Armutsgrenzen 
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