Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1997 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 23 .  Jahrgang ( 1 9 9 7 ) ,  Heft 4 
teure reklamieren zunehmend Beschäftigungsmöglichkeiten im Umwelt­
schutzbereich , um ihre arbeitsmarktpolitischen Programme durchzuset­
zen . Umweltorganisationen versuchen auf der andern Seite, ihren Um­
stellungsforderungen durch Prognosen erheblicher Beschäftigungs­
effekte zusätzl iches Gewicht zu verleihen . Dieses gegenseitige, fast sym­
biotische Inanspruchnahme führt dazu, daß auf beiden Seiten mit gröb­
sten quantitativen Wirkungen gearbeitet wird ,  wobei im Ergebnis sowohl 
die Qualität des Umweltschutzes als auch die Qualität der Arbeitsplätze 
kaum genauer geprüft werden. Bei nüchterner Betrachtung sind die 
Beschäftigungswirkungen des Umweltschutzes n icht als Potential erster 
Ordnung einzustufen (2) .  
Diese Begründung der Umweltpol itik a ls  Arbeitsmarktpol itik und damit 
die Entkoppelung von Umweltthemen führen dazu, daß jene Bereiche, wo 
keine positive Verbindung zwischen Umweltschutz und Beschäftigung 
hergestellt werden kann, stark zurückgedrängt werden. 
Je lauter umweltpolitische Maßnahmen mit dem Arbeitsplatzargument 
verbunden werden, desto öfter wird bei Vorschlägen im Umweltbereich 
gefragt: "Und wieviele Arbeitsplätze bringt denn das?" ln den meisten Fäl­
len (und vor allem bei Betrachtung des Nettobeschäftigungseffektes) (3) 
wird die Antwort den Fragesteller enttäuschen .  Verbunden mit hohen Er­
wartungen an den Umweltschutz als Beschäftigungsmotor wird die Ableh­
nung solcher Maßnahmen um so schneller erfolgen . 
Die Tendenz, daß Umweltpolitik, wo sie nicht unmittelbar der Beschäfti­
gung nützt und wo sie (vermeintliche) höheren Profiten im Wege steht, zu 
weichen hat, wird in der letzten Zeit ganz konkret sichtbar. 
2. Eine konjunkturbestimmte Diskussion 
Durch die Umweltdiskussion des Ietzen Jahres weht ein kräftiger Hauch 
der siebziger Jahre: Die Unternehmen verweisen auf hohe Kosten durch 
Umweltschutzausgaben und Umweltbürokratie und prophezeien Wettbe­
werbsverzerrungen und Arbeitsplatzverluste. Die "Umweltbewegung" weist im Gegensatz dazu auf viele mögliche Umweltinvestitionen hin, die 
Arbeitsplätze schaffen. Die Diskussion verengt sich auf das Zählen fiktiv 
verlorener oder imaginär gewonnener Arbeitsplätze. Die "konjunktur­
bestimmte Wertigkeit" des Umweltschutzes ist nicht neu und läßt sich über 
die gesamte Geschichte d ieses Politikbereiches verfolgen. 
Zu Beginn erster Umweltschutzaktivitäten in den sechziger und siebzi­
ger Jahren hat das Thema Arbeitsplätze und Umweltschutz (egal , ob eine 
positive oder negative Wirkung vermutet wurde) keine Rolle gespielt. l n  
d ieser Zeit der Vollbeschäftigung stand die Frage im Vordergrund, wo zu­
sätzl iche Arbeitskraft beschafft werden könnte. Durch die Rezession und 
die in der Folge stark gestiegene Arbeitslosigkeit, die in weiten Tei len der 
westlichen Welt den Ölpreisschocks 1 974 und 1 981  folgte, kam der Um­
weltschutz ins beschäftigungspolitische Gerede. Umweltschutz würde die 
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