Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 1 (1)

24. Jahrgang ( 1 998) ,  Heft 1 
Wirtschaftspolitische 
Weichenstellungen 
Rezension von: Karl Socher (Hrsg.), 
Wolfgang Schmitz -
Wirtschaftspolitische Weichenstellungen 
1963- 1 973, Verlag Orac, Wien 1996, 1 60 
Seiten, öS 460,-; Günter Bischof, Anton 
Pelinka (Hrsg.), Austro-corporatism. 
Past, Present, Future; Contemporary 
Austrian Studies, Vol.4, Transaction 
Publishers, New Brunswick und London 
1 996, 428 Seiten. 
Das erste h ier besprochene Buch 
wil l ,  dem Vorwort des Herausgebers 
zufolge, keine Festschrift sein - eine 
solche ist bereits zum 60. Geburtstag 
des früheren Finanzministers und Na­
tionalbankpräsidenten Dr.Wolfgang 
Schmitz 1 983 erschienen. Die in  dem 
Band versammelten Beiträge geben ei­
nen Rückblick auf wirtschaftspolitische 
Weichenstellungen, welche unter maß­
geblicher Mitwirkung von Schmitz in  
den zehn Jahren 1 963 (Gründung des 
Beirats für Wirtschafts- und Sozialfra­
gen, dessen erster Vorsitzender 
Schmitz war) bis 1 973 (Übergang zur 
später so genannten "Hartwährungspo­litik" nach dem Zerfall des Systems fe­
ster Wechselkurse) erfolgten und 
Österreichs Wirtschaftspolitik meist 
nachhaltig prägten. 
Hans Seidel g ibt in seinem Aufsatz 
über den Beirat für Wirtschafts- und 
Sozialfragen eine Charakteristik dieser 
Einrichtung der wissenschaftl ichen Po­
litikberatung, wobei er das Augenmerk 
vor allem auf die ersten zehn Jahre 
richtet. Wenn bei der Gründung des 
Beirats angesichts von häufiger zutage 
tretenden Entscheidungsschwächen 
der damaligen Großen Koalitionsregie­
rung mancherorts die Erwartung be-
Wirtschaft und Gesellschaft 
standen hatte, daß die Experten die 
Wirtschaftspolitik selbst i n  die Hand 
nehmen würden, so stellte s ich dies 
schon nach kurzer Zeit als überzogen 
heraus. Die hauptsächliche Bedeutung 
der Gutachten und Empfehlungen des 
Beirats sieht Seidel darin ,  daß Öster­
reich damit wieder Anschluß fand an  
d ie  internationale Entwicklung einer 
Fundierung der Wirtschaftpolitik auf Er­
kenntnissen der modernen Prognose­
technik und der damals auf dem Höhe­
punkt ihres Ansehens stehenden Ma­
kroökonomie. ln einer Krisensituation 
sieht Seidel den Beirat 1 973, als er an­
gesichts einer Inflationrate von 10 Pro­
zent seine Stimme n icht erhob. Seidel 
schreibt dies nicht nur politischen Be­
schränkungen zu , sondern auch einer 
bescheidener werdenden Einschätzung 
der Leistungsfähigkeit wirtschaftswis­
senschaftlicher Politikberatung. So be­
trachtet war die seither beobachtbare 
selektive Vorgangsweise bei der Be­
stimmung der Themen von Beiratsstu­
dien mit Augenmerk auf die Möglich­
keiten der Erarbeitung eines Sozialpart­
nerkonsenses durchaus folgerichtig ,  
wobei auch ein ige schwere politische 
"Brocken" in Studien behandelt wurden (z.B.  Arbeitszeitpolitik, EU-Beitritt, Pen­
sionsversicherung). 
Eines der meistgehandhabten Instru­
mente der modernen Makroökonomie, 
die mittelfristige Prognose des Staats­
budgets, wurde von Schmitz als Fi­
nanzminister 1 965 in Österreich einge­
führt. Mit ihrer wechselvollen Geschich­
te, die zwischen ,,Vorschau" und "Pro­gramm" schwankt, beschäftigt sich der 
Beitrag Manfried Gantners. Zunächst 
wurden "Budgetvorschauen" über einen Zeitraum von vier Jahren vom Finanz­
ministerium,  später in etwa zweijähri­
gem Abstand fünfjährige Vorschauen 
vom Beirat für Wirtschafts- und Sozial­
fragen erstellt. Die Bezeichnung "Vor­schau" sollte deutlich zu verstehen ge­
ben, daß es sich bei d iesen Rechnun­
gen um bedingte Prognosen handelt, 
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