Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 1 (1)

Wirtschaft und Gesellschaft 
Osteuropas Wirtschaft in der 
Nachkriegszeit 
Rezension von: Ivan T. Berend, Central 
and Eastern Europe 1 944 - 1993. Detour 
from the Periphery to the Periphery, 
Cambridge University Press, Cambridge 
1996, 414 Seiten, f 45,-. 
Kaum jemand dürfte für die Abfas­
sung einer solchen Studie geeigneter 
sein als lvan Berend. Der ungarische 
Wirtschaftshistoriker setzt sich schon 
seit vielen Jahrzehnten mit d iesem 
Thema auseinander, also bereits zu 
Zeiten ,  als es die Forschungsgemein­
schaft nur am Rande behandelte. Seine 
zusammen mit G. Ranky verfaßte Ar­
beit "The European Periphery and lndu­strialization 1780 - 1914" (1982) wurde 
zu einem Standardwerk auch für den 
Westen. 
Berend nahm in der kommunisti­
schen Periode hohe Funktionen in der 
ungarischen Gesellschaft ein; so be­
kleidete er die Posten eines Universi­
tätsrektors und eines Präsidenten der 
Akademie der Wissenschaften. Aller­
dings zählte er immer zum l iberalen , 
stets Reformen vorantreibenden Flügel 
der StaatsparteL Konsequenterweise 
wurde er auch zum Vorsitzenden der 
Kommission für die Reform der ungari­
schen Wirtschaft berufen. Heute lehrt 
er an der University of California, Los 
Angeles. Berücksichtigt man die Rolle, 
welche Ungarn für die Auflösung des 
kommunistischen Systems spielte, 
dann wird man wohl sagen können, daß 
Berend zu den Wegbereitern der geisti­
gen Wende im Osten zählte. 
Diese persönlichen Elemente prägen 
auch den Aufbau des Buches. ln einem 
kurzen Einleitungskapitel behandelt er 
die historische Entwicklung des ostmit­
teleuropäischen Wirtschaftsraumes, wel-
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2 4 .  Jahrgang ( 1 998) ,  Heft 1 
eher durch ökonomische und soziale 
Rückständigkeit gekennzeichnet war. 
Die politische Konstante dieser Region 
sieht er darin ,  daß deren Länder, in 
Frontstellung gegen den Westen ,  des­
sen Niveau zu erreichen trachteten .  
Dieser Hypothese wird man nicht zur 
Gänze folgen können, weil eine solche 
Frontstellung nur gegenüber den "Un­terdrückerstaaten", der Doppelmonar­
chie und Deutschland, bestand, in kei­
ner Weise jedoch gegenüber den West­
mächten, wie England und Frankreich, 
welche im Gegenteil während der Zwi­
schenkriegszeit sozusagen als Schutz­
mächte betrachtet wurden. Dennoch 
findet sich dieser Gedanke des Autors 
später in der Beurteilung des kommuni­
stischen Systems wieder. 
Die Studie beginnt eigentlich mit der 
kommunistischen Machtergreifung in 
Osteuropa. Berend sieht darin eine 
Konsequenz des Kalten Krieges, in 
dem er das große historische Drama 
des gegenseitigen Mißtrauens aus­
macht, wiewohl er als eine wesentliche 
Ursache dafür den Verfolgungswahn 
Stalins diagnostiziert. Er stellt d ie rheto­
rische Frage, was geschehen wäre, hät­
te sich die Kooperation aus der Zeit des 
Zweiten Weltkriegs fortgesetzt. 
Hier könnten abermals die Meinun­
gen auseinandergehen. Denn die So­
wjetunion wurde ja zunächst tatsächlich 
in alle Nachkriegsinstitutionen , wie 
etwa die UNO, integriert. Auf der ande­
ren Seite bleibt offen ,  wie sich die Zu­
sammenarbeit des Krieges zwischen 
einer demokratischen Welt und einem 
System hätte vollziehen können, das 
nicht nur totalitär war, sondern auch 
eine - um es vorsichtig auszudrücken -
missionarischen Charakter an den Tag 
legte. Eine Frage ,  zu welcher Berend 
im folgenden Kapitel über den kommu­
nistischen Terror selbst die Basis liefert. 
ln  dieser Phase erfolgte in allen ost­
mitteleuropäischen Staaten die totale 
Umstellung aller Lebensbereiche auf 
das sowjetische Modell ,  auch auf die
        

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