Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 1 (1)

24. Jahrgang ( 1 99 8 ) ,  Heft 1 
Dampflokomotiven, 
Fliehkraftregler, Thlpenmanie, 
Katastrophen und 
Trittbrettfahrer 
Rezension von: Gerhard Aschinger, 
Börsenkrach und Spekulation. Eine 
ökonomische Analyse, Verlag Franz 
Vahlen, München 1 995, 3 6 1  Seiten, 
öS 499,-. 
"Ende des letzten Jahrhunderts führ­
te die Entwicklung größerer und schnel­
lerer Dampflokomotiven mit besseren 
Kugellagern zu einer Instabilität des Re­
ge/systems (Fiiehkraftregler), wodurch 
der Bewegungsablauf erheblich gestört 
wurde. Dieses Phänomen konnte nur 
durch die Einführung neuer Reibung 
beseitigt werden. " (S. 335f) 
Da Finanzmärkte im allgemeinen als 
Märkte gelten, wo die Bedingungen für 
einen "perfekten" Markt am ehesten zu­
treffen, liegt es auf der Hand, daß die 
Beschäftigung mit dem Markt als Re­
gelmechanismus anhand eben dieser 
Finanzmärkte eine besondere Heraus­
forderung darstellt. Leider stehen im 
Zuge der Auseinandersetzung oft Sze­
narien unheilbringender internationaler 
Spekulationswellen, welche die Wirt­
schaftspolitik lähmen, Bildern der be­
sten aller Welten gegenüber, die nur 
durch staatliche Drangsalierung daran 
gehindert werden, allen Wohlfahrtsstei­
gerungen zu bringen. Zudem wird die 
Debatte dann noch in Aufsätzen und 
Büchern geführt, die entweder in der 
anekdotischen Evidenz stecken blei­
ben oder aber in Texten,  die anschei­
nend Unlesbarkeit zu einer akademi­
schen Tugend erhoben haben (eine 
Marktabschottungsstrategie, die sich 
im übrigen ökonomisch recht gut erklä­
ren läßt). 
Wirtschaft und Gesellschaft 
Das (mitunter krampfhaft anmuten­
de) Verteidigen von Glaubenssätzen 
findet hingegen in Asehingers Buch 
ebensowenig Platz wie "akademische 
Marktabschottungsstragien" einerseits 
oder die Herleitung von Hypothesen 
aus bloßer anekdotischer Evidenz ohne 
analytischem Rahmen andererseits, 
was meist eher in Denk- als in andere 
Fallen führt. Genau darin liegt die Stär­
ke des Buches, das ohneweiters als 
"textbool<' für "intermediate finance" 
und als Nachschlagewerk für Speziali­
sten dienen kann: 
Ausgehend von historischen Finanz­
krisen wie der Tulpenmanie im Holland 
des siebzehnten Jahrhunderts, der 
französischen "Mississippi-Bubble" und 
der englischen "South-Sea-Bubble" im 
achtzehnten Jahrhundert bis zu den 
beiden großen Börsen-Crashs 1 929 
und 1 987 versteht es Aschinger, mit 
großer Akribie nicht nur die Fakten, 
sondern auch die dahinterliegenden 
Zusammenhänge darzulegen. 
Er bleibt aber keineswegs dabei ste­
hen, sondern entwickelt einen analyti­
schen lnstrumentenkasten, der ausge­
hend von der Spekulationstheorie nach 
Kaldor über die "Bubble-Theorie" bis in 
die modernere Mathematik der Chaos­
theorie führt. Wenn das Buch eine 
Schwäche hat, dann jene, daß über ei­
nige Strecken der Bezug zwischen den 
Kapiteln auf den ersten Blick etwas lok­
ker ist (vor allem zwischen analytisch/ 
theoretischem und historisch/empiri­
schem Teil) , und daß man manchmal 
das Gefühl hat, manche Themen könn­
ten etwas gestraffter behandelt werden, 
während die Herleitung einiger nicht tri­
vialer Modelle noch mehr Detailliertheit 
vertragen hätte. Dies vor allem, weil die 
Anschaulichkeit der Darstellung (bei 
den zahlreichen Diagrammen der cha­
ostheoretischen Modelle ist d ies wört­
lich zu nehmen) zum Nachprogram­
mieren animiert. Vielleicht wäre es hier 
geschickter gewesen, einige Teile in ei­
nen Anhang zu stellen (so zum Beispiel 
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