Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 24. Jahrgang ( 1 998) ,  Heft 4 
(SWF) bzw. auf soziale Präferenzen bezüglich beider Größen zurück­
greift. Im  bekannten Diagramm von Breit ( 1 974) wird das so dargestel lt, 
daß eine Gesellschaft auf einer von der Verteilung (Gin i-Koeffizient) ab­
hängigen Produktionsmöglichkeitskurve denjenigen Punkt auswählt, der 
den jeweil igen normativen Abtauschverhältnissen ("sozialen Indifferenz­
kurven") zwischen Effizienz und Verteilung am besten entspricht (vgl .  Abb. 
4 und die Diskussion in Appendix A). Wohlfahrtsökonomische Überlegun­
gen waren aber in den siebziger Jahren n icht en vogue und die Verwen­
dung von "arbiträren" Sozialen Wohlfahrtsfunktionen und der Rückgriff auf 
interpersonelle Nutzenvergleiche wurden vom szientifisch orientierten 
mainstreamals suspekt eingestuft (3). 
All d ies trug also zu einem Klima bei, in welchem verteilungsbezogenen 
Überlegungen nur wenig Beachtung geschenkt wurde. Dieses Bild hat 
sich al lerdings in den letzten Jahren wieder gewandelt, woran abermals 
Veränderungen in jeder der drei genannten Dimensionen beteil igt waren. 
Erstens ist die unreflektierte Verwendung von repräsentativen Agenten 
in Mikro-Makro-Modellen von mehreren Seiten unter Beschuß geraten (4). 
Überdies wurden auch neue Techniken und Methoden entwickelt, d ie die 
ebenso stringente Konstruktion vom Modellen mit heterogenen Individu­
en erlauben. 
Zweitens sind d ie als unbeweglich angenommenen Verteilungen ab Mit­
te der siebziger Jahre in Bewegung gekommen. I nsbesonders in den USA 
hat sich eine deutliche Verschärfung der Lohn- und Einkommensvertei­
lung abgezeichnet, die mit kleineren Verzögerungen auch in anderen 
OECD-Staaten beobachtet werden konnte (vgl .  den folgenden Abschnitt 
2). (5) 
Drittens haben Querschnittsstudien den Schluß nahegelegt, daß zwi­
schen Ungleichheit und Effizienz (bzw. Wachstum) kein positiver Zusam­
menhang zu bestehen scheint - wie es die Rede vom tradeoff unterstellt 
-, sondern ein negativer: Länder, die über ein geringeres Maß an Ein­
kommensungleichheit verfügen, scheinen auch zugleich höhere Wachs­
tumsraten aufzuweisen. Damit war es aber auch nicht länger zwingend 
notwendig, d ieses Thema im Kontext wohlfahrtsökonomischer Überlegun­
gen zu sehen, sondern es konnte ebensogut unter dem traditionellen Ge­
sichtspunkt von Paretaeffizienz behandelt werden (6). l n  der Sprache von 
Breits Diagramm ausgedrückt (vgl .  Abb. 4 ), legen die empirischen Studi­
en also nahe, daß sich d ie meisten Staaten - entgegen der landläufigen 
Meinung - rechts vom Punkt H befinden. Eine Zunahme an Gleichheit 
führt somit zu höherer Produktion bzw. Wachstum. 
l n  d iesem Artikel möchten wir  einige der obengenannten Aspekte aus­
führlicher diskutieren. Im Abschnitt 2 wird in aller Kürze die empirische Evi­
denz gesichtet, die auf die Zunahme der Lohn- und Einkommens­
ungleichheit in den USA und in anderen industrialisierten Staaten hinweist, 
und es werden die wichtigsten Erklärungen angeführt, d ie für d iese Ent­
wicklung verantwortl ich gemacht wurden. Des weiteren wollen wir d ie em­
pirischen Querschnittsstudien vorstellen , die die Annahme eines negati-
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