Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

24. Jahrgang ( 1 998),  Heft 4 
Die Ursachen der zahlreichen Versu­
che gesamtwirtschaftl icher Konzertie­
rung zwischen Regierung und Sozial­
partnern gehen aus den Länderbeiträ­
gen des vorliegenden Sammelbandes 
deutlich hervor: die Währungsturbulen­
zen in der ersten Hälfte der neunziger 
Jahre,  die Vollendung des Binnen­
markts, die Maastricht-Kriterien , der 
Stabil itätspakt, d ie bevorstehende 
Währungsunion, die hohe Arbeitslosig­
keit, die Reform des Wohlfahrtsstaates. 
Sie veranlaßten nationale Regierungen 
dazu, mit den Sozialpartnerverbänden 
über die Einkommenspolitik, über Maß­
nahmen zur Hebung der Wettbewerbs­
fähigkeit der jeweiligen Volkswirtschaft, 
über die Budgetkonsol idierung und 
über die Reformen in der Sozialpolitik 
in Verhandlung zu treten und Vereinba­
rungen zu treffen.  Die betreffenden Re­
gierungen suchten durch die Einbezie­
hung der Sozialpartner breitere Unter­
stützung für unpopuläre, aber längerfri­
stig unumgängliche politische Vorha­
ben - und in vielen Fällen fanden sie 
diese auch. Beispiele wie das Scheitern 
der Berlusconi-Regierung in Italien und 
der Ausbruch von Massenprotesten in 
Frankreich im Dezember 1 995 führen 
vor Augen, daß eine kooperative Stra­
tegie in der Regel dem Ausschluß der 
Sozialpartner aus dem Entscheidungs­
prozeß überlegen ist. 
Der (von F. Traxler geprägte Begriff 
des) 'Angebotskorporatismus' der 
neunziger Jahre beinhaltet somit die 
Übertragung gewisser, für die Wettbe­
werbsfähigkeit und die längerfristige 
Wirtschaftsentwicklung wichtiger Kom­
petenzen an die Sozialpartner, wobei 
die konkrete Regelung dieser Materien 
auf unterschiedlichen Ebenen (natio­
nal, Branche, Region, Betrieb) stattfin­
det. Stärker als in den siebziger Jahren 
kommt den Sozialpartnern daher (ne­
ben der distributiven) eine regulative 
Funktion zu. Da die Aufgabenteilung 
zwischen den Verhandlungsebenen ei­
nen wichtigen Tei l  der bi- oder triparti-
Wirtschaft und Gesellschaft 
ten Abkommen darstellt, besteht in  die­
sen Arrangements weniger Gefahr von 
Konflikten zwischen den Verbandsspit­
zen und der jeweil igen Mitgl iederbasis 
als in der Hochblüte des distributiv ori­
entierten Neo-Korporatismus der Sieb­
ziger Jahre mit seinen nur teilweise 
meß- und kontroll ierbaren Tauschge­
schäften.  
Am häufigsten wird Ital ien als Bei­
spiel für die wachsende Bedeutung tri­
partiter Arrangements in den neunziger 
Jahren genannt. Zu Beginn dieses 
Jahrzehnts veranlaßten der politische 
Umbruch, d ie ökonomische Krise und 
die bevorstehende Vollendung des Bin­
nenmarktes zu einer Wiederaufnahme 
der Konzertierung der Einkommenspo­
litik auf gesamtwirtschaftl icher Ebene. 
Im Juli 1 992 schloß die Regierung 
Amato mit den sechs Arbeitgeberdach­
verbänden und den drei Gewerk­
schaftsbünden ein zentrales Abkom­
men mit dem Ziel, die I nflationsrate auf 
den europäischen Durchschnitt zu sen­
ken .  
Als Wendepunkt in  den nationalen 
Arbeitsbeziehungen bezeichnen lda 
Regalia und Marino Regini ,  welche den 
Italien-Beitrag im vorliegenden Sam­
melband verfaßten, die dreiseitige Ver­
einbarung über Einkommenspolitik und 
Verhandlungsreform vom Juli 1 993. 
Diese stellte einen gemeinsamen Ver­
such der Regierung und der Sozialpart­
ner dar, die Arbeitsbeziehungen durch 
eine Reform des Kollektivverhand­
lungssystems auf eine völlig neue 
Grundlage zu stellen und die wirtschaft­
l iche Entwicklung durch eine effektive­
re, mit anderen wirtschaftspolitischen 
Feldern regelmäßig abgestimmte Ein­
kommenspolitik zu unterstützen .  Das 
neue Kollektivverhandlungssystem be­
steht aus zwei Ebenen mit klar definier­
ten Kompetenzen: den nationalen 
Branchenverhandlungen und den Ver­
handlungen auf Betriebsebene, welche 
auf Gewerkschaftsseite von den im 
März 1 991 geschaffenen einheitlichen 
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