Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

24. Jahrgang ( 1 998),  Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
reich , Deutschland und Italien hingegen hat sich die Einkommensvertei­
lung über das letzte Jahrzehnt kaum verändert (25). l n  ein igen Ländern 
(wie etwa in Kanada) waren nur schwache Zuwächse in der Einkommens­
ungleichheit zu beobachten, trotz weitaus stärkerer Zuwächse in der Lohn­
ungleichheit (26). ln  anderen Ländern hingegen (wie etwa in Großbritan­
nien) konnte das nationale Steuer- und Transfersystem den Änderungen 
in der Verteilung der Markteinkommen nur schwach entgegenwirken.  Die 
Änderungen der Lohnverteilung haben sich demnach in den Änderungen 
der Einkommensverteilung niedergeschlagen, was - nach allgemeiner 
Auffassung - auch der übliche Vorgang ist. "Changes in earned income 
inequality appear to be the prime force behind changes in market income 
du ring the 1 980s in most countries. With earnings more than 70 percent of 
market income, it should not be surprising that increased individual earning 
inequality and other changes in earnings with in the hausehold would be 
important factors in accounting for change in income inequal ity. Other 
market forces (such as capital income) and demographic changes also 
affected market income inequality, though to a lesser degree."  (27) 
Die parallel verlaufenden Änderungen in Einkommens- und Lohn­
verteilung sind also ein weiterer Grund für das wiedererstarkte I nteresse 
an Verteilungsfragen. Wie wir im folgenden Abschnitt zeigen werden, läßt 
sich vermuten,  daß Art und Ausmaß der Verteilung nicht nur unter 
Gerechtigkeitserwägungen Relevanz haben, sondern auch auf d ie ökono­
mische Produktionstätigkeit einwirken.  
2.2 Der negative Zusammenhang zwischen Ungleichheit und 
Wachstum 
Eine stetig anwachsende Zahl an empirischen Untersuchungen (28) hat 
den Zusammenhang zwischen Ungleichheit und Wachstum beleuchtet. l n  
der überwiegenden Mehrzahl  der Fälle hat sich dabei ein negativer Koef­
fizient der Verteilungsvariable gezeigt. Tabelle 2 beinhaltet die Ergebnis­
se einer solchen Studie (29) sowie eigene Berechnungen (30). Die durch­
schnittliche Wachstumsrate pro Kopf zwischen 1 960 und 1 985 (GR6085) 
hängt dabei in beiden Fällen signifikant negativ vom Ausmaß der Einkom­
mensverteilung (gemessen durch den Gini-Koeffizienten [GIN I]) ab. (31 ) 
Bei Alesina/Rodrik (Spalte 1 )  ergibt sich ein Koeffizient von -0,057 bei ei­
nem t-Wert von 2,46, bei Knell (Spalte 4) ein Koeffizient von -0,038 bei 
einem t-Wert von 1 ,83. Das bedeutet, daß ein Anstieg des Gini-Koeffizien­
ten um 1 0  Prozentpunkte (etwa von 0,3 auf 0,4) d ie langfristige jährl iche 
Wachstumsrate um 0,3% bis 0,6% senkt. Das stellt eine Größenordnung 
dar, die man n icht mehr als vernachlässigbar bezeichnen kann .  
Zwei weitere Punkte sollten h ier bemerkt werden. Erstens übt d ie Land­
verteilung (GIN ILAND) in der Untersuchung von Alesina und Rodrik einen 
noch signifikanteren Einfluß auf d ie Wachstumsrate aus als die Einkom­
mensvertei lung (vg l .  Spalte 2). Der Koeffizient ist zwar vergleichbar 
(-0,055), das Signifikanzniveau erhöht sich aber deutl ich . Wenn man die 
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