Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 
zenschule, wurden ins Exil gezwungen, 
und von den international namhaften 
deutschen Theoretikern, die die Debat­
ten der zwanziger Jahre beherrscht hat­
ten , blieben nur wenige. Joseph 
Schumpeter und Friedrich A. Hayek 
hatten Deutschland schon 1 932 verlas­
sen.  Gottfried Haberler, Ludwig A. 
Hahn, Emil Lederer, Adolf Löwe, Oskar 
Morgenstern, Fritz Neumark, Franz 
Oppenheimer, Wilhelm Röpke und 
Alexander Rüstow, um nur einige pro­
minente Namen zu nennen, folgten. 
Die Nationalsozialisten verzichteten, 
von einigen Ausnahmen abgesehen, 
darauf, mit der Gleichschaltung stram­
me Parteigänger ohne wissenschaftli­
che Reputation an die Spitze der wirt­
schaftswissenschaftlichen Institutionen 
zu hieven . Soweit die Spitzenpositio­
nen neu besetzt wurden, und das wur­
den fast alle, waren es zunächst beina­
he ausnahmslos Vertreter der historisti­
schen und romantischen Strömung, die 
davon profitierten .  Ein Bündnis zwi­
schen Nationalsozialismus und Histo­
rismus schien offenbar. Doch schnell 
folgten Ernüchterung und ein Prozeß 
gegenseitiger kritischer Betrachtungen 
und inhaltlicher Differenzierungen , d ie 
schließlich zu einem Auseinanderge­
hen von maßgeblichen Vertretern des 
Historismus und des Nationalsozialis­
mus führten. 
Die wichtigste dogmengeschichtliche 
Entwicklung in den dreißiger Jahren 
war zweifellos die Entstehung des Key­
nesianismus. Jede Untersuchung der 
Geschichte der deutschen Volkswirt­
schaftslehre in  den dreißiger Jahren 
hat, bevor sie Veränderungen in dieser 
Zeit einseitig und vorschnell dem natio­
nalsozialistischen Einfluß zuschreibt, 
diese übergeordnete Entwicklung zu 
beachten. Zu bedenken, so Janssen, ist 
gleichzeitig aber auch, daß das Be­
wußtsein ,  einen dogmengeschichtli­
chen Epochenwechsel zu erleben , in­
nerhalb der deutschen Volkswirt­
schaftslehre schon einige Jahre vor Er-
600 
24. Jahrgang ( 1998),  Heft 4 
scheinen des Hauptwerkes von John 
M. Keynes, der 'General Theory', ver­
breitet war. Die Vorworte und Einleitun­
gen der deutschen volkswirtschaftl i­
chen Literatur unmittelbar nach der na­
tionalsozialistischen Machtübernahme 
belegen das. 
Die Sekundärliteratur hat bisher 
kaum beide Entwicklungen, die natio­
nale und die globale, zugleich bedacht 
und so die Entstehung und Entwicklung 
der 'neuen' Wirtschaftslehre in 
Deutschland in zwei weitgehend von­
einander getrennt gehaltenen Zusam­
menhängen diskutiert. Dieses hat Jans­
sen jedoch im letzten Kapitel seiner 
Untersuchung anders gehalten. Der 
eine Teil der Literatur betrachtete die 
deutsche Volkswirtschaftslehre der 
dreißiger Jahre weitgehend unter Aus­
schluß der Wirtschafts- und sozialpoliti­
schen Vorgaben des Nationalsozialis­
mus und schrieb statt dessen eine Ge­
schichte des deutschen Keynesianis­
mus als einen durch die Weltwirt­
schaftskrise angestoßenen Ablösungs­
prozeß von klassisch-neoklassischen 
Grundpositionen. Der andere Teil der 
Literatur befaßte sich explizit mit dem 
Einfluß des Nationalsozialismus auf die 
Volkswirtschaftslehre, mit der 'völki­
schen Lehre' und dem 'Deutschen So­
zialismus', ignorierte, so Janssen, aber 
fast vollständig d ie Entwicklung der 
theoretischen Bausteine der 'neuen' 
Wirtschaftslehre in Deutschland. Dafür 
wurde der politische Gehalt der neuen 
Lehre lebhaft und kontrovers diskutiert. 
Werner Krause hat dabei die bis heu­
te vertretene These aufgestellt, daß der 
Ökonomie in den dreißiger Jahren die 
Aufgabe zugefallen sei , "die staatliche 
Einmischung in d ie Wirtschaft" zu 
rechtfertigen und das "Verhältnis Staat und Wirtschaft in apologetischer Wei­
se" dazustellen ( 1 0). Diese These traf 
auf heftigen Widerspruch und wurde 
zuletzt von Christina Kruse "als weitge­hend unbegründet verworfen" ( 1 1  ). Die 
Arbeiten der Wirtschaftslenkung sollten
        

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