Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

24. Jahrgang ( 1 998),  Heft 4 
ihrer Meinung nach lediglich ein verfei­
nertes modifiziertes oder neues Instru­
mentarium entwickeln, mit dem die rea­
lisierten wirtschaftlichen Gegebenhei­
ten analysiert werden konnten. 
Allein für sich genommen kann,  
Janssen keiner der beiden genannten 
Positionen zustimmen. Weder er­
schöpft sich die neue deutsche Wirt­
schaftslehre in  ihrem teilweise unbe­
streitbaren apologetischen Charakter, 
noch ist es mit einem Hinweis auf das 
veränderte Erkenntnisobjekt Wirtschaft 
getan,  als wenn es sich h ier um einen 
rein exogenen Vorgang gehandelt hät­
te, den die politische Ökonomie schlicht 
konstatieren muß. Hat doch der Natio­
nalsozialismus, so Janssen weiter, im­
mer wieder mit Erfolg die Wissenschaft 
aufgefordert, an dem Prozeß des Um­
baus des Wirtschaftssystems im Sinne 
der nationalsozialistischen Ideologie 
und Ziele aktiv mitzuwirken. 
Nach Ansicht von Janssen entwickel­
te sich in den dreißiger Jahren in 
Deutschland gleichzeitig und vielfach 
ineinander verschlungen einerseits 
eine wissenschaftl ich fundierte neue 
Wirtschaftslehre, deren theoretischer 
Gehalt unabhängig von nationalsoziali­
stischer Ideologie zu beschreiben ist -
man denke etwa an Arbeiten von Lau­
terbach, Donner, Gestrich, Grünig, 
Preiser oder Föhl zur Wirkung der 
Geldschöpfung auf die Beschäftigung 
und den Kreislaufzusammenhang von 
I nvestition, Ersparnis, Zins und Ein­
kommen -, und andererseits eine politi­
sche Ökonomie, an die teilweise kaum 
mehr ein wissenschaftl icher Maßstab 
angelegt werden darf und die ledigl ich 
eine Rechtfertigung der faktisch betrie­
benen Wirtschaftspolitik darstellt. Letz­
teres gilt im besonderen Maße für Ent­
wicklungen gegen Ende der dreißiger 
Jahre im Rahmen einer Theorie der 
Wirtschaftslenkung, als der Finanzbe­
darf des Staates für die Aufrüstung mit 
den von der Theorie festgestellten 
Grenzen der Geld- und Kreditschöp-
Wirtschaft und Gesellschaft 
fung immer mehr kollidierte. 
Bleibt die abschließende Frage nach 
dem Sonderweg in bezug auf die 'neue' 
Wirtschaftslehre. Janssen gelangt hier 
zur Auffassung, daß, soweit es die Ent­
wicklung der theoretischen Bausteine 
der 'neuen' Wirtschaftslehre betrifft, 
man einen deutschen Sonderweg nicht 
entdecken kann. Im Gegentei l ,  die An­
leihen bei der fortentwickelten klassi­
schen Ökonomie der zwanziger Jahre, 
und zwar aus dem eigenen Lande wie 
aus anderen Ländern, waren weitaus 
größer als die aus der Historischen oder 
Romantischen Schule. Schumpeter, 
Wiekseil und natürlich Keynes waren 
mit Abstand bedeutender für die Ent­
wicklung als etwa die von den Natio­
nalsozial isten vielgepriesenen List, 
Adam Müller, Knapp, Spann oder 
Sombart. 
Anders hingegen stellt sich der Fall 
dar, wenn man sich die Entwicklung der 
politischen Ökonomie der dreißiger 
Jahre vergegenwärtigt, ob nun die So­
zialpolitik oder die aus der Konjunktur­
politik erwachsene allgemeine Wirt­
schaftslenkung. Hier gibt es eine Reihe 
von Anleihen und Kontinuitäten aus 
den Richtungen, so Janssen, die sich 
als deutsche Schulen verstanden ha­
ben. Doch reichen diese oft n icht über 
terminologische Gemeinsamkeiten und 
oberflächliche Ähnlichkeiten hinaus. Es 
gehört schon eine gute Portion Abstrak­
tionsvermögen oder bösen Willens 
dazu, so Janssen weiter, den ethischen 
Ansatz Schmollers mit der Wirtschafts­
ethik der Nationalsozialisten in eine Li­
n ie zu zwingen oder die zumindest vom 
Ansatz her bestehende Faktentreue der 
besten Vertreter der geschichtlichen 
Schule mit der nationalsozialistischen 
Geschichtsschreibung vergleichen zu 
wollen. Zudem sind fast alle d ifferen­
zierteren wissenschaftl ichen Ansätze 
geschichtlicher Theoriebildung, die 
man in den zwanziger Jahren als das 
eigentlich unerfüllt gebliebene Erbe 
Schmollers verstanden hatte, wie die 
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