Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 
personaler und funktionaler Rollen der 
monarchischen Elite (v.a.  Adelsprädi­
kat, Reserveoffiziersstatut, Karriere im 
öffentlichen Dienst) und so zur I ntegra­
tion in die herrschende El ite der Monar­
chie. Seide El itetypen tendierten,  be­
gründet in ihrem Selbstverständnis, 
dazu, das sich in der konstitutionellen 
Phase der Monarchie in Parteien und 
I nteressenvertretungen durchsetzende 
Prinzip der organhaften demokratisch 
legitimierten Gruppenvertretung durch 
neue Formen von mediatisierter Reprä­
sentation in der Ausprägung einer be­
rufsständischen Gesellschaftsordnung 
zu ersetzen. 
Der Erste Weltkrieg und der damit 
verbundene politische Umbruch bilde­
ten die Basis für den Aufstieg der bund­
haften Eliten zum dominierenden so­
zialen Gestaltungsprinzip. Dieser Pro­
zeß radikal isierte die traditionellen Kar­
parationsbünde und alternativen Ju­
gendbewegungsgruppen ebenso wie 
die partei integrierten Jugend- und Stu­
dentenverbände der Sozialdemokratie. 
Die Extrempositionen dieser neuen ra­
d ikalen Bundhaftigkeit manifestierten 
sich in den jugendbewegten Gruppen 
mit ihrem Anspruch, nur Bewegung und 
nicht Organisation zu sein, mit der Kon­
sequenz, jeweils in organisatorisch ge­
festigteren Parteieliten aufzugehen. 
Die verschiedenen Modelle partei- bzw. 
systemkonformer Elitenbildung durch 
anstaltsspezifische, institutionalisierte 
politische Sozialisation bildeten den 
Gegenpart dazu. Zwischen den beiden 
polen "Bewegung" und "Anstalt" nah­men die traditionellen bundhaften Kar­
parationseliten eine unterschiedliche 
Entwicklung: Die deutschnationalen 
Korporationen tendierten zur radikalen 
Bundhaftigkeit. Dem Vordringen des 
über Jugendbewegung und Nationalso­
zialismus gesteigerten Bund-Prinzips 
standen die realen Führungserfordernis­
se des von den katholischen Eliten par­
tiell bzw. ab 1 934 fast ganz beherrschten 
politischen Systems gegenüber. 
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24. Jahrgang ( 1 998) ,  Heft 4 
Die Erste Republik ist nach dem Be­
fund Stimmers durch eine sign ifikant 
überproportionale, partei- und lager­
übergreifende Präsenz der Bund- und 
Anstaltseliten in den von den politi­
schen Parteien zu besetzenden Ent­
scheidungspositionen der Legislative 
und Regierung geprägt. Dominiert wur­
de die Erste Republik von einer Reprä­
sentationselite, deren El itebewußtsein 
eine gruppenkonstitutive Tendenz zur 
mediatisierten politischen Repräsenta­
tion einschloß, die dem auf Wahl und 
Delegationsprinzip basierenden west­
europäischen Repräsentativsystem 
prinzipiell entgegenstand. Aus diesem 
Repräsentationsverständnis der El ite­
gruppen erwuchs eine Ämterpatronaga 
und Rekrutierungspolitik, die über eine 
rein berufliche Absicherung der Mitglie­
der weit hinaus reichte. Sie wurde zur 
materiel len und strategischen Voraus­
setzung für die erfolgreiche politische 
Repräsentation gruppenspezifischer, 
aber dennoch allgemein verbindl icher 
Werte wie der "Volksgemeinschaft" oder des "katholischen Volkes" tran­szendiert. 
Sozialstrukturalle Exklusivität und 
anstaltsspezifische lnstitutionalisierung 
stellen Indikatoren für einen tiefgreifen­
den Bruch der Rekrutierungspraxis der 
herrschenden politischen El ite der Er­
sten Republik und besonders des Stän­
destaates dar. Bereits in der parlamen­
tarischen Phase vollzog sich ein Pro­
zeß der institutionellen und sozialstruk­
turallen Einengung elitärer Aufstiegs­
muster und Rekrutierungsfelder. Dieser 
Prozeß wurde im Ständestaat deutlich 
verstärkt. Dieser Trend zur "Anstaltseli­te" wirkte auch in die politischen Partei­
en und Bewegungen hinein, welche die 
tradierten Formen privilegierter Eliten­
bildung über exklusive Anstalten zwar 
heftig kritisierten ,  das Prinzip der an­
staltsspezifischen politischen Soziali­
sation jedoch für ihre eigene Personal­
rekrutierung voll übernahmen. Explizit 
gi lt d ies für die Sozialdemokratische
        

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