Volltext: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 24. Jahrgang ( 1 998),  Heft 4 
"sozialen Infrastruktur'' verschlechtern kann  und daß soziale Normen, die 
den Ablauf des wirtschaftl ichen und des gesellschaftl ichen Lebens erleich­
tern (etwa Vertrauen, freiwillige Mitarbeit in politischen oder karitativen Or­
ganisationen etc.) ,  ausgehöhlt werden. 
Darüber h inaus sind auch noch andere Reaktionen wahrscheinl ich , d ie 
die Gesamtproduktivität einer Wirtschaft verschlechtern , wozu man etwa 
zunehmende Streiktätigkeit ebenso rechnen kann wie das Anwachsen der 
Kriminal ität. ln d iesem Zusammenhang sei nur darauf hingewiesen ,  daß 
die Kriminalitätsrate in den USA (dem Land mit dem höchsten Ausmaß an 
Ungleichheit unter allen OECD-Staaten) weitaus höher ist als in den mei­
sten anderen vergleichbaren Ländern. Das hat einerseits zur Folge, daß 
ein Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung entweder in  bloß "d iversive" Akti­
vitäten involviert ist, d ie nichts zur Produktion beitragen, oder von der Pro­
duktion regelrecht "ausgesperrt" ist. (68) Andererseits führt d ies aber auch 
dazu , daß verstärkt Ressourcen für ineffiziente Schutzmaßnahmen (Poli­
zeikräfte, Wachpersonal, Eigentumssicherung) ausgegeben werden. Ob­
wohl sich das Problem der Kriminalität n icht einseitig auf Einkommens­
ungleichheit reduzieren läßt und das amerikanische Beispiel nur als anek­
dotische Evidenz betrachtet werden kann ,  so sind Entwicklungen in diese 
Richtung doch weder unwahrscheinl ich noch unplausibel. 
Diese Zusammenhänge können auch noch unter einem anderen Blick­
winkel betrachtet werden. l n  der traditionellen entwicklungsökonomischen 
Literatur geht man davon aus, daß extreme Armut zu Unterernährung und 
somit zu einem weniger produktiven Arbeitskräftepotential führt. Für unter­
entwickelte Staaten ,  in denen sich das bescheidene B IP-Niveau überdies 
noch sehr ungleich auf d ie Bevölkerung verteilt, kann das zu einer Vermin­
derung der gesamtwirtschaftl ichen Produktion und des Wachstums führen 
(69). 
Physiologische Unterernährung stellt woh l  für die entwickelten Staaten 
kein Problem mehr dar, jedoch könnte man bei den ärmeren Haushalten 
in industrial isierten Ländern von einer Gefahr der "sozialen Unterernäh­
rung" sprechen, die ebenfalls geringere Produktivität mit sich bringen 
kann .  ln den letzten Jahren wurden - primär in den USA - zahlreiche so­
ziale I ndikatoren zusammengestellt, die den Entwicklungsstand einer Ge­
sellschaft in verschiedenen Dimensionen erfassen wollen . Sie sind dabei 
als Kontrast und Ergänzung zum eindimensionalen Wohlstandsindikator 
B IP-Wachstum gedacht, der die öffentliche Diskussion um Fortschritt und 
internationale Vergleiche beherrscht. Eine allgemeine Eigenschaft dieser 
I nd ikatoren wurde wie folgt zusammengefaßt: "Over the last several 
decades, while cumulative economic ind icators portray an economy 
fluctuating between recession and recovery, but growing overal l ,  most key 
social indicators show a long downward spiral and a severely decl in ing 
quality of life. Although it was once safe to assume that economic growth 
was accompanied by similar growth in social health , this d isparity suggests 
that economic indicators may no Ionger be an adequate measure of the 
nation's well-being" (70). 
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