Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

24. Jahrgang ( 1 998) ,  Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
nalen Währungsfonds ( IWF ) entwickelte Konzept für eine wirt­
schaftl iche Stabil isierung Rußlands sah offenbar vor, die markt­
wirtschaftl iche Ausrichtung der Realwirtschaft über das Banken­
system, die Börse, die Kredit- und Geldmärkte zu bewirken. Um 
dem gesamten System einen festen Finanzierungsrahmen und 
in der Folge auch klarere Erfolgs- und Bewertungskriterien vor­
zugeben, bedurfte das Finanzsystem selbst wieder eines "An­
kers", nämlich eines festen Wechselkurses des Rubels zum US­
Dollar. Die Deviseneinnahmen Rußlands aus Erdöl- und 
Rohstoffexporten schufen dafür gewisse Voraussetzungen. 
Dennoch war davon auszugehen, daß die russische Notenbank 
die Wechselkursstabil ität aus eigener Kraft, d .h .  ohne Hilfe durch 
den IWF, nicht werde gewährleisten können. Die Aufstellung von 
Bedingungen an die Geldpolitik der russischen Notenbank, vor 
allem aber an den russischen Staatshaushalt, gab dem IWF die 
Mögl ichkeit, die gesamte Stabil i lsierungs- und Konsolid ierungs­
pol itik Rußlands maßgebl ich mitzugestalten. 
Die monetäre und finanzielle Konsol id ierung Rußlands hätte 
dem Muster anderer Transformationsländer folgen sol len : Re­
duktion des Staatsdefizits auf ein tragbares Ausmaß, keine 
Notenbankfinanzierung des Defizits, Reduktion der I nflation, 
Herstellung eines positiven Realzinssatzes, d ies alles bei weitge­
hend l iberalisiertem Kapitalverkehr, um das für die n icht-inflatio­
näre Staats- und Unternehmensfinanzierung notwendige Aus­
landskapital kurz- und langfristig ins Land zu ziehen . 
Am 1 7. August 1 998 haben sich al le Hoffnungen, daß diese 
Strategie doch noch aufgehen könnte, verflüchtigt, als Rußland 
einseitig ein Anleihe-Zahlungsmoratorium verhängen mußte. Zu 
viele Ungleichgewichte hatten sich akkumul iert und wechselsei­
tig verschärft: die Unternehmungen zahlten zu wenig Steuern , 
der Staat zahlte weder Rechnungen noch Löhne, d ie inländische 
Ersparnisbildung war nicht ausreichend für die Staatsfinan­
zierung, d ie Zinsen mußten immer weiter erhöht werden, um aus­
ländisches Kapital ins Land zu ziehen bzw. es am Abfl ießen zu 
verhindern, die hohen Zinsen verschlechterten die Ertragslage 
des Unternehmenssektors, usf. Eine massive Korrektur war hier 
in jedem Fall unvermeidlich geworden - daß sie zur Währungs­
und Finanzkatastrophe wurde und zu einem Wechselkursverfall 
des Rubel um mehr als 70% führte, war allerd ings den nicht trag­
fähigen Grundlagen zuzuschreiben, auf denen die ganze Strate­
gie aufbaute. Für die "monetaristische Einseitigkeit" d ieser Stra­
tegie ist ohne Zweifel der IWF im hohen Maße mitverantwortl ich. 
Der IWF ist schon oft und in vielen Ländern zu Unrecht zum 
Buhmann gemacht worden, wenn  er auf die Notwendigkeit des 
Abbaus exzessiver Budgetdefizite und der Einstel lung von 
Notenbankfinanzierung zur Einbremsung von Hyperinflationen 
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