Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1998 Heft 4 (4)

Wirtschaft und Gesellschaft 24. Jahrgang ( 1998),  Heft 4 
drängte. Daß solches in Rußland unumgängl ich war, läßt sich 
n icht ernsthaft bestreiten .  Falsch war aber die Anlage der ge­
samten Stabil isierungsstrategie insofern, als sie einseitig nur d ie 
monetäre Sphäre im Auge hatte, vom Fehlen tragfähiger real­
wirtschaftlicher Strukturen weitgehend absah und von den Fi­
nanzmärkten, den Börsen her und auf der Grundlage der freien 
Beweglichkeit der Finanzströme die Probleme lösen wollte. Seit 
dem großen Krach in Rußland gibt es kaum mehr jemanden, der 
zur Wiederholung des Experiments rät. 
Weltweiter Dominoeffekt 
Auch wenn die massiven Ungleichgewichte der Wirtschaft 
Rußlands als Ursache für den Crash erkannt werden müssen, 
war der unmittelbare Anlaß dazu das Wiederaufflackern der 
Wirtschafts- und Finanzkrise in Südostasien . Auch dort hatte 
sich schon länger gezeigt, daß essentiel le, unverzichtbare Vor­
aussetzungen für voll l iberal isierte Finanzmärkte n icht gegeben 
waren - freil ich erst im Nachhinein erkannt von denen, welche 
die angebl ich so rationalen und nahezu "perfekt" funktionieren­
den, d .h .  dem neoklassischen Ideal der vollkommenen Konkur­
renz am nächsten kommenden Finanzmärkte bedenkenlos 
hochgejubelt und z.B.  auch zum Hauptkriterium von Rangl isten 
gemacht hatten. 
Von Rußland sprang der Ansteckungsbazil lus weiter über 
nach Lateinamerika,  wo die Währungen und Finanzsysteme 
Brasiliens und Argentin iens zu schwanken begannen. Immer 
wieder zeigte sich , daß bei Verdacht und ersten Anzeichen von 
Schwäche nicht nur das kurzfristige ausländische Kapital flutartig 
abströmt, sondern auch die In länder ihre Sparguthaben in Aus­
landswährung umzutauschen versuchen. Wenn es dazu kommt, 
ist kaum eine IWF-Beistandsaktion noch stark genug, einen Kol­
laps zu verhindern . 
Selbst in der Europäischen Union wäre es wahrscheinl ich er­
neut zu Währungsturbulenzen gekommen wie zuletzt 1 992/93 
und 1 995. Es ist nicht schwer sich vorzustellen, daß die Flucht in 
die starken Währungen die schwächeren (Lira ,  Peseta und an­
dere) wieder unter Druck gebracht hätte - so wie d ies bei der 
Schwedenkrone, die n icht an d ie Währungsunion tei ln immt, an­
satzweise tatsächlich zu beobachten war. Durch die jetzt schon 
de facto bestehende gemeinsame Währung kam es d iesmal im 
Euro-Raum zu keinen Turbulenzen. 
l n  der Phase von Panik und Kollaps ist wahrscheinlich nicht der 
richtige Zeitpunkt für die Einführung von Kapitalverkehrskontrol­
len zu finden. Aber für die künftige Gestaltung der Wirtschaftspo­
l itik in  Osteuropa, Asien und Lateinamerika l iefert d ie jüngste 
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