Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1999 Heft 4 (4)

2 5 .  Jahrgang ( 1 999), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
Vom Wettbewerbskorporatismus zur 
transnationalen Koordination der 
Lohnpolitik in der EU? (Teil 1) 
Michael Mesch 
1. Einleitung 
Der Grad der Öffnung einer Volkswirtschaft zählt zu den wichtigsten Rah­
menbedingungen für die jeweilige Lohnpolitik. Die fortschreitende Internatio­
nalisierung der Produktion und der Märkte blieb daher nicht ohne Folgen für die 
Ausrichtung der Lohnpolitik in den westeuropäischen Ländern. Der erhöhte 
Öffnungsgrad dieser Volkswirtschaften bewirkte, daß jeweils sowohl die 
Lohnverhandlungen in den Branchen des exponierten Sektors als auch die 
makroökonomisch orientierte Lohnpolitik (Verhandlungen auf zentraler Ebe­
ne oder gesamtwirtschaftliche Koordination der Branchenverhandlungen) 
verstärkt auf die internationale Wettbewerbsfähigkeit der inländischen Produ­
zenten zu achten hatten. Vergleiche zwischen der Entwicklung der Arbeits­
kosten und insbesondere der Lohnstückkosten im I nland sowie den entspre­
chenden Trends in den wichtigsten Handelspartnerländern, ausgedrückt in 
gemeinsamer Währung, gewannen entsprechend an Bedeutung. 
Die großen Fortschritte in der wirtschaftl ichen I ntegration Europas in den 
neunziger Jahren verstärkten die obengenannten Tendenzen. Die Verwirk­
l ichung des Binnenmarkts hatte u.a. zur Folge, daß bislang geschützte Be­
reiche der ei nzelnen Volkswirtschaften dem Wettbewerb ausgesetzt wur­
den. Und m it der Umsetzung der Europäischen Währu ngsunion erhöht sich 
erstens die Transparenz im Bereich der innereuropäischen Lohn-, Arbeits­
kosten- u nd Lohnstückkostenunterschiede, steht zweitens das I nstrument 
der Abwertu ng gegenüber den Wäh ru ngen anderer Mitgl iedsländer n icht 
mehr zur Verfügung und wird drittens die Geldpolitik in den Händen des 
ESZB europäisiert. 
Gleichgültig , welches Szenario (erfolgreiches Politikbündel u nd demge­
mäß Abbau der Arbeitslosigkeit; deflationäre Tendenz mit anhaltender 
Wachstumsabschwächung; symmetrische oder asymmetrische Schocks) 
für die wirtschaftliche Entwicklung der EU u nterstellt wird , eine trans­
nationale Koordination der Lohnverhandlungen innerhalb der Währungsuni­
on wäre von Vorteil für die gesamtwirtschaftl iche Dynamik E u ropas, oder 
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