Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 1999 Heft 4 (4)

25. Jahrgang ( 1 999), Heft 4 Wirtschaft und Gesellschaft 
BERICHTE UND DOKUMENTE 
Von staatlich garantierter 
zu inoffizieller 
Beschäftigung 
Zur postsowjetischen 
Arbeitsmarktsituation in 
Rußland 
Manfred Füllsack 
"Gorod nevest" - "Die Stadt der Bräu­
te" wurde lvanovo, das circa 300 Kilome­
ter nordöstlich von Moskau liegt, in der 
Sowjetzeit genannt. Schuld an diesem 
eigenartigen Beinamen war die ansässi­
ge Textil i ndustrie, d ie, weil sie haupt­
sächlich jüngere Frauen als Arbeitskräf­
te beschäftigte, für einen stark überhöh­
ten Frauenanteil unter der hiesigen Be­
völkerung sorgte. So berühmt soll der 
Überschuß an jungen Mädchen in der 
Region gewesen sein ,  daß alleinstehen­
de Männer sogar aus Moskau zur Braut­
schau hierher reisten. 
Auch heute sind zwar in den Straßen 
von lvanovo noch vorwiegend Frauen zu 
sehen . Als potentielle Ehepartnerinnen 
scheint sich für sie allerdings niemand 
mehr zu interessieren. Der Großteil der 
lvanover Frauen bevölkert die Straßen 
der Stadt gegenwärtig vor allem, um sich 
einen Lebensunterhalt zu verschaffen. 
Und wenn dafür nicht bereits einfach ge­
bettelt wird, so wird in der Regel ver­
sucht, alle möglichen brauch- und nicht 
mehr brauchbaren Dinge zu verkaufen. 
Auf den größeren Plätzen von lvanovo 
stehen die ehemaligen Textilarbeiterin-
nen heute dicht an dicht in langen Rei­
hen und bieten von "Semeeki" - Sonnen­
blumenkernen - und Pilzen, über ge­
brauchten Tand und billig aus China oder 
Vietnam importierte Kleidung bis hin zu 
jungen Hunden oder Katzen alle mögli­
chen und unmöglichen Waren feil, in der 
Hoffnung wenigstens ein paar Rubel Ge­
winn zu machen, bevor sie erneut von 
den regelmäßig patrouill ierenden Mil iz­
beamten vertrieben werden. 
Ihre einstigen Arbeitgeber, die riesigen 
sowjetischen Textilkombinate, die mit 
so klangvollen Namen wie "Rotes Gewe­
be" oder "Im Namen des 8. März" an die 
einst als revolutionär gepriesene Einbe­
ziehung der Frauen in die volkswirt­
schaftliche Produktion erinnern, haben 
längst zugesperrt. Mit ihren unrationellen 
und veralteten Produktionsstrukturen 
konnten sie, die einst 30 Prozent des 
sowjetischen Textilbedarfs deckten, un­
ter den Bedingungen des freien Marktes 
nicht konkurrenzfähig produzieren. War 
einst die Baumwolle, die sie verarbeite­
ten ,  aus der Sowjetrepublik Usbekistan 
zentralgeplant und preisgeregelt nach 
lvanovo gebracht worden, um hier eben­
so zentralgeplant weiterverkauft zu wer­
den, so muß sie seit der postsowjeti­
schen Wende im unabhängigen Staat 
Usbekistan zu Weltmarktpreisen gekauft 
werden. Verlassen von den allgegenwär­
tigen Ministerien "Gossnab" und 
"Goscen", die in der Sowjetunion die Ver­
teilung und die Preise der Güter regelten, 
blieb den lvanover Textilkombinaten 
nichts anderes übrig, als nach und nach, 
beginnend mit den älteren Frauen, ihre 
Arbeitskräfte abzubauen, die den Fabri­
ken angeschlossenen Herbergen, in de­
nen die Frauen untergebracht waren, zu 
schließen und d ie Maschinen und 
Räumlichkeiten, so sich noch jemand für 
sie interessierte , zu verkaufen oder zu 
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