Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2000 Heft 3 (3)

26. Jahrgang (2000), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 
produktion und ihrer Leistungseinkommen hat. ln diesem Zusammenhang 
fördert allerd ings individuel les Wohlstandsdenken und -streben, wie es­
anreizbedingt - für d ie Konkurrenzkämpfe auf den Märkten charakteristisch 
ist und zu einer tendenziell ungleicheren Verteilung führt, eben nur den ma­
teriellen Teilbereich der Wohlfahrt (und diesen auch nur insgesamt bzw. im 
Durchschnitt) , beeinträchtigt aber die immaterielle Wohlfahrtskomponente 
aus dem Umwelt-, Qual itäts-, Verteilungs- und sozialen Aspekt heraus. 
Was die Qualität der Marktproduktion betrifft, kann Wettbewerb in über­
steigerter Form den Konkurrentinnen auf dem Absatzmarkt den "Zwang zur 
Lüge" abverlangen, das heißt, Güterqualitäten und Handelskonditionen ver­
sprechen zu müssen, die n icht eingehalten werden können.4 Außerdem ist 
in dieser H insicht auch die aus dem individuellen Gewinnmotiv erzeugte 
Güterpalette danach zu hinterfragen, ob denn bestimmte marktgängige Gü­
ter auch sozial erwünscht sind,5 weil sie vielleicht auf Grund hoher Risiken 
oder Schäden für Mensch, soziales Zusammenleben und Natur die gesell­
schaftliche Wohlfahrt beeinträchtigen. 
Obwohl also in der Ökonomie und anderen Sozialwissenschaften - mit 
Ausnahme extrem l iberalistischer Positionen - weitgehend akzeptiert ist, 
daß Wohlstandsmaximum als Marktergebnis in der Regel nicht dem gesell­
schaftl ichen Optimum (Wohlfahrtsmaximum) entspricht und daß auch die 
immaterielle Komponente von Wohlfahrt eine langfristige Bedingung für 
eine befriedigende Wohlstandsentwicklung ist, sind offizielle Statistiken und 
wirtschaftspolitische Konzepte eher auf Wohlstandsaggregate und 
-durchschnittsgrößen ausgerichtet. Kritische Überlegungen , die das 
Koordinationsversagen der Märkte als Ursache für das Auseinanderklaffen 
von Wohlstand und Wohlfahrt hervorheben, sind in der wirtschafts­
theoretischen Debatte wie in der wirtschaftspolitischen Praxis allerdings 
ziemlich aus der Mode gekommen. Dadurch wird auch die Grundfrage nach 
dem Verhältnis von Wirtschaft, Gesellschaft und Staat einseitig verkürzt 
behandelt und mit ihrem eigentlich typischen Inhalt in den Hintergrund ge­
drängt. 
3. Individuum und Staat, Marktanreize, Wohlstand und 
Wohlfahrt 
Überlegungen zum Verhältnis zwischen Individuum und Staat sind grund­
legend geprägt durch das Spannungsfeld zwischen individueller Freiheit ei­
nerseits und allgemeiner Sicherheit und prinzipieller Gerechtigkeit anderer­
seits. Anarchie bietet den Individuen maximale Freiheit, aber Sicherheit und 
Gerechtigkeit sind unter d iesem Regime nur für einzelne, nur durch Macht 
(ökonomische Stärke, Reichtum) und nur unter relativ hohen Kosten im Ver­
gleich zu einer kollektiven Ordnung zu erreichen. Selbst der ökonomische 
Liberalismus ist - allerdings aus den egoistischen Gründen einer Senkung 
der individuellen Kosten für wirtschaftliche Transaktionen - stets von der 
Voraussetzung einer gesellschaftl ichen Ordnung ausgegangen. Jedoch das 
entscheidende Unterscheidungsmerkmal zwischen den gesellschaftl ichen 
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