Full text: Wirtschaft und Gesellschaft - 2000 Heft 3 (3)

26. Jahrgang (2000), Heft 3 Wirtschaft und Gesellschaft 
Phänomene nehmen - (zwischen-)staatlich unreguliert und unkoordiniert­
wirtschaftlich bedrohliche Dimensionen an und werden von den Menschen 
auch so empfunden. Sie verstärken zum einen das Bestreben von Individu­
en, Regionen und nationalen Regierungen, sich gegenüber den anderen 
und auf Kosten der anderen möglichst stark zu positionieren , und ebenso 
die Bereitschaft, dabei makroökonomische Zusammenhänge und ihre Be­
deutung für den allgemeinen Wohlstand und d ie gesellschaftl iche Wohlfahrt 
zu übersehen. Die eingeengte, auf dem lndividualnutzen-Prinzip beruhen­
de, individual istische bzw. nationalistische Sicht vertraut darauf, daß aus 
dem globalen Wettlauf um möglichst hohe Nettoexporte ein Positiv­
summenspiel entsteht (d.h .  ein globaler Vortei l  trotz national sehr unter­
schiedlicher Erfolge bzw. Mißerfolge). Dabei dominiert jedoch in der Praxis 
das "Schwarzfahrer-Verhalten" ("beggar-thy-neighbour policy'): Jeder 
Staat, der dazu nur irgendwie in der Lage ist, realisiert möglichst hohe Au­
ßenhandelsüberschüsse während er auf einen Zahlungsbilanzausgleich 
der anderen Staaten hofft, damit der globale Entwicklungsprozeß n icht 
durch Einkommens- und Kaufkraftungleichheiten gebremst wird .  Je mehr 
Staaten aber ,schwarzfahren', indem sie ihre eigenen Nettoexporte unbe­
dingt maximieren und darin auch erfolgreich sind, desto eher kann aus dem 
erhofften Positivsummenspiel ein Negativsummenspiel werden.15 So gese­
hen sind das Beispiel der dreißiger Jahre und die Mahnung der 
keynesianischen Analytiker noch heute aktuell und bilden ein Argument für 
die Regulierung des Welthandels, der ausländischen Direktinvestitionen 
und der globalen Finanzmärkte. 16  
Die globale Verschärfung des Wettbewerbs stärkt zum anderen auch die 
Bereitschaft der Individuen (selbst der Arbeitnehmerlnnen) , sich dem l ibe­
ralen Dogma vom unbedingten Anpassungserfordernis an die Markt-"Ge­
setze" zu unterwerfen17 und einer Dumping-Politik hinsichtlich Löhnen , Ar­
beitsbedingungen , Sozialstandards und Umweltqualität zuzuneigen. So 
haben sich denn die Befürworterinnen dervollständigen individuellen Anpas­
sung an die aus l iberaler Sicht bestehenden E rfordernisse der Märkte als 
pol itisch erfolgreich erwiesen . Das Dogma wird zunehmend akzeptiert, daß 
die Märkte quasi naturgesetzmäßig funktionieren und die Politik nicht sinn­
voll steuernd regulieren und intervenieren könne; gegen das "Naturgesetz" 
von Angebot, Nachfrage und Marktpreismechanismus könne wirtschaftspo­
l itisch nicht erfolgreich agiert werden. Wenn sich aber die Wirtschafts­
politikerlnnen und Wirtschaftssubjekte den Marktkräften fügten, würde oh­
nehin das Wohlstandsmaximum realisiert, welches immer mehr mit dem 
Wohlfahrtsmaximum identifiziert wird .  Die "Vermarktungsfähigkeit" von 
wirtschaftspolitischen Konzepten dürfte daher entscheidend durch die von 
der Bevölkerung subjektiv empfundene Bedrohlichkeit bzw. eingeschätzte 
politische Gestaltbarkeit der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen (der 
Märkte und Marktergebnisse) geprägt werden.18 Zu solchen theoretischen 
Überlegungen paßt das empirische Bild von der Veränderung der wirt­
schaftl ichen Bedingungen und Verschärfung der Problemstellungen vor 
rund dreißig Jahren und der darauffolgenden politischen Hinwendung zum 
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